Mareen Moritz und Michael Krischock sind zwei junge Leute, die viel draußen arbeiten. Sie betreiben ein Ingenieurunternehmen im Lübbener Ortsteil Neuendorf und führen Kommunal- und Industriedienstleistungen unter anderem im Auftrag des Landkreises Dahme-Spreewald durch. Sie fällen Bäume, kümmern sich um Gebäude, warten, reparieren, reinigen und überwachen Industrieanlagen, pflegen Außenanlagen, erledigen den Winterdienst. Sie wirken kompetent und umsichtig.

Doch noch Tage nach dem Schreckenssamstag steht beiden der Schock in die Gesichter geschrieben. Dass ein junger Mann, 20 Jahre alt, ihnen ihr Auto entreißt, auf der Autobahn als Geisterfahrer bis nach Bademeusel rast, wendet, zurückdonnert und erst durch einen Unfall mit zwei Schwerverletzten ausgebremst wird, ist ihnen unbegreiflich.

Wieso konnte er nicht früher gestoppt werden? War er vielleicht vorher schon so auffällig, dass er in Gewahrsam gehört hätte? Wurde er, nachdem er in die Psychiatrie des Asklepios-Fachklinikums Lübben kam, unterschätzt? Mareen Moritz und Michael Krischock lässt es keine Ruhe.

Doch der Reihe nach: Es ist Samstagnachmittag, 15.40 Uhr, als die beiden mit den vorgeschriebenen 20 km/h durch die Lübbener Jägerstraße fahren. Das Asklepios-Klinikum liegt nur wenige Meter entfernt. Minuten zuvor hatte sich der 20-Jährige dort "selbst entlassen", wird es später im Polizeibericht heißen; er soll eine Schwester bedroht und einem Arzt die Schlüssel entrissen haben. Die Fachklinik äußert sich dazu nicht.

Raus-raus, schreit der Mann

Unterdessen sitzt Mareen Moritz am Steuer des Mercedes Vito und sieht einen jungen Mann schnellen Schrittes auf sich zukommen. Die psychische Störung, die später vermutet wird, sei ihm nicht anzumerken gewesen.

Die junge Frau ist Ersthelferin und Feuerwehrmitglied, sie lässt die Scheibe etwas herunter und will fragen, was los ist. "Raus- raus", schreit der junge Mann sie an, will sie an der Jacke durchs Fenster ziehen. "Das ist jetzt mein Auto!", sagt er, reißt die Tür auf, versucht die Lübbenerin jetzt durch die offene Tür aus dem Auto zu ziehen. Noch angeschnallt, zieht sie geistesgegenwärtig den Schlüssel ab und wirft ihn ihrem Beifahrer Michael Krischock in den Schoß. Doch der ist, wie sie jetzt auch, schon am Aussteigen, bemerkt den Schlüssel nicht, während die junge Frau gleichzeitig versucht, den Mann mit den Worten "langsam, langsam, ich muss mich erst noch abschnallen" etwas zu beruhigen.

Vergeblich. Der Mann steigt ein, findet den Schlüssel, startet den Wagen und rast los. Er hetzt mit 170 Sachen als Geisterfahrer bis Bademeusel, verursacht auf dem Weg dorthin auf Cottbuser Höhe einen ersten Unfall.

Unterdessen laufen bei der Polizei die Notrufe ein - von den beiden Lübbenern, aber auch von anderen. Während ein Hubschrauber abhebt, um den Fluchtweg des 20-Jährigen zu verfolgen, machen sich Einsatzwagen auf den Weg - und die geschockten Geschädigten in der Lübbener Jägerstraße wundern sich, warum sie 15 bis 20 Minuten auf die Polizei warten, wo doch die Wache fußläufig kaum fünf Minuten entfernt ist.

Ines Filohn von der Polizeipressestelle erklärt: "Um 15.46 Uhr ging der erste Notruf bei uns ein, die ersten Wagen sind unmittelbar danach rausgerollt. Es gab kurze Zeit später bereits erste Anrufe von der Autobahn, und die Einsatzfahrzeuge machten sich aus sämtlichen Dienststellen auf den Weg." Das erklärt auch, warum der Beamte, der schließlich in die Lübbener Jägerstraße fuhr, nicht aus der fast benachbarten Polizeiwache kam.

Der junge Mann war derweil Richtung Polen unterwegs. Er wurde von der Polizei eingeholt, die ihm signalisierte, dass er anhalten sollte. "Doch das tat er nicht", berichtet Ines Filohn weiter.

Die eingerichteten Sperren müssen für den rasenden Autofahrer offen bleiben. "Wenn er bei dieser hohen Geschwindigkeit in eine geschlossene Sperre oder über ein Nagelbrett fahren würde, müssen wir davon ausgehen, dass der Betroffene tot ist. Das würde bedeuten, dass wir ihn bewusst töten würden - und das dürfen wir nicht", erklärt sie die rechtlichen Grundlagen.

Fieberhafte Autobahnräumung
Inzwischen versucht die Polizei fieberhaft, die Autobahn verkehrsfrei zu bekommen. Bedacht werden müssen auch Abzweige wie der nach Dresden. Es kommt zum ersten Unfall, der noch glimpflich ausgeht: Auf der Höhe von Cottbus überholt ein Pkw einen Lkw, sieht den entgegenkommenden Geisterfahrer und schert blitzartig ein, touchiert dabei den Laster.

Kurz vor der polnischen Grenze wendet der 20-Jährige, rast zurück. Zwischen Boblitz und dem Spreewalddreieck fährt er einer jungen Frau und einem Ehepaar auf, dieses wird sehr schwer verletzt. Endlich kommt die rasende Fahrt des 20-Jährigen zum Stillstand. Doch die Geschichte ist damit noch lange nicht zu Ende.

Am Unfallort greift der Mann einen Polizisten an, verletzt diesen. Mit Reizgas wird er schließlich überwältigt, kommt in ein Cottbuser Krankenhaus. Auch dort soll er randaliert haben, ehe er per Haftbefehl wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr schließlich in die Justizvollzugsanstalt gebracht wird.

"Wir haben Gott und die Welt gedreht, um ihn von der Autobahn zu holen. Dass er so austickt, konnten wir nicht absehen", fasst Ines Filohn zusammen. Und spielt dabei auf eine Vorgeschichte an. Denn am Vormittag des selben Tages hatte der junge Mann bereits Kontakt mit der Polizei. Diese wird, auch das ist bestätigt, zur A 13 auf der Höhe von Bestensee (Dahme-Spreewald) gerufen.

Dort soll der 20-Jährige mit seinem Auto andere Fahrzeuge ausgebremst, sie dadurch angehalten und vor diese gesprungen sein. Die Polizei stellt dort bereits die psychische Auffälligkeit fest, zieht den Rettungsarzt hinzu. Dass der 20-Jährige fachärztlicher Hilfe bedarf, erscheint unstrittig - so bringen ihn die Beamten zunächst ins Asklepios-Fachklinikum nach Teupitz. Doch dort ist kein Platz mehr frei, so landet er in der Lübbener Einrichtung. RUNDSCHAU-Informationen zufolge kommt es allerdings gar nicht mehr zur Feststellung einer Diagnose, stattdessen zum Fahrzeugraub in der Lübbener Jägerstraße.

"Tragisch" nennt Polizeisprecherin Filohn die Ereignisse. Die Vorfälle bei Bestensee reichten nach derzeitigen Erkenntnissen offenbar nicht aus, um den Mann gegen seinen Willen festzuhalten.

Am Ende stehen das Leid schwer verletzter Menschen zu Buche, Zehntausende Euro Sachschaden und nervenaufreibender Schriftverkehr mit Versicherungen. Die Lübbener Mareen Moritz und Michael Krischock werden wohl noch Monate brauchen, um den Schock jenes vorfrühlingshaften Nachmittags in der sonst so idyllischen Spreewaldstadt zu verarbeiten.