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| 02:42 Uhr

Ein ganzes Bundesland spiegelt sich in dieser Stadt

Wie auf dem Spremberger Marktplatz drängten sich die Menschen überall in der Innenstadt. 80 000 Besucher – so lautet die erste Bilanz der Veranstalter des Fest-Wochenendes.
Wie auf dem Spremberger Marktplatz drängten sich die Menschen überall in der Innenstadt. 80 000 Besucher – so lautet die erste Bilanz der Veranstalter des Fest-Wochenendes. FOTO: Michael Helbig
Spremberg. Politiker tanzen Walzer, ein Frettchen versteckt sich in der Handtasche, und die schärfsten Kritiker der Stadt werden plötzlich weich: Der Brandenburg-Tag hat Spremberg und seine Gäste für ein Wochenende verzaubert. René Wappler und Catrin Würz

Zehn Uhr morgens am Samstag. Rucksack an einer Schulter, Fotoapparat an der anderen, Bernd Hartmann aus Spremberg wartet an der Langen Straße auf den Festumzug. "Fotografieren ist mein Hobby", sagt er. "So halte ich besondere Momente für später fest."

Besondere Momente, auf die neben ihm Hunderte Besucher an der Langen Straße im Stadtzentrum hoffen. Jeder zweite Gast hält eine Eiswaffel in der Hand, Polizisten patroullieren lässig, und da taucht schon das Schild samt Stadtwappen auf: "Spremberg - Perle der Lausitz", getragen von den Jugendlichen aus dem Club "Erebos".

Kabel am Ohr, die Augen wandern durch die Menschenmenge, so säumen die Personenschützer des Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD) den Festumzug. Der Politiker winkt, er scherzt, er greift die Taille von Bürgermeisterin Christine Herntier (parteilos), und beide bewegen sich miteinander zur Musik des Schneewalzers. Die Zuschauer johlen. Nur einem kleinen Mädchen scheint der Trubel nicht zu behagen, verzweifelt weint es am Straßenrand, verschreckt ob der vielen Leute. Also flieht es in die Arme seiner Mutter.

Auch dies ist so ein besonderer Moment: Fast streift ein Transporter im Festumzug das Vordach eines Lebkuchenstandes. Doch die Verkäuferin kann das Malheur gerade so verhindern. Sie stürmt hinter der Kasse hervor, wirbelt mit den Armen und ruft dem Fahrer zu: "Hallo! Hallo! Hier! Aufpassen!" Im letzten Moment kann der Fahrer einlenken.

Ein paar Meter weiter, am Markt, sitzt Brigitte Huth aus Spremberg auf einer Bank. "Nachher treffe ich Freunde aus Cottbus", sagt sie. "Ist doch toll, dass wir Besuch aus aller Welt bekommen."

Zum Beispiel aus Hohen Neuendorf, nördlich von Berlin. Mit dem Zug sind Ute und Bernd Peter von dort zu ihrem ersten Besuch in Spremberg aufgebrochen. "Wir wollen uns das Schloss anschauen", sagt Ute Peter. "Auch hier ist überall die spezielle Spreewaldkultur zu spüren."

Über solche Worte freut sich Altbürgermeister Egon Wochatz, der am Bürgerhaus für die Märkische Dichterstraße wirbt. Sie soll Touristen einen Einblick in das Leben von Schriftstellern aus der Lausitz geben. "Eine literarische Region, das ist mein großes Thema", sagt Egon Wochatz, der sich schon zu seiner Amtszeit für das Werk des Autoren Erwin Strittmatter eingesetzt hat.

Von einer gewissen Unruhe scheint auch Wieland Böttger getrieben zu sein, der einen Stand der Naturschützer betreut. Er schimpft: "Wir stehen hier in der schlimmsten Ecke, neben einem Kompressor, der die ganze Zeit lärmt." Eigentlich, sagt er, wollten die Naturschützer mit Kindern über Fauna und Flora sprechen. "Aber bei diesem Krach bleibt niemand bei uns stehen."

Versöhnlich zeigt sich unterdessen ein Mann, von dem selbst seine Frau sagt, er kritisiere immer zu viel: Egon Messer, bei den Spremberger Stadtverordneten berühmt und berüchtigt, da er fast jede ihrer Konferenzen als Zuschauer besucht und mit großer Freude Einwände erhebt. An diesem Wochenende ist er kaum wiederzuerkennen, denn er lobt die Arbeit der Organisatoren des Brandenburg-Tages. "Ich habe ja früher in der Elektrobranche gearbeitet", sagt Egon Messer. "Deshalb erlaube ich mir mal dieses Urteil: Die Kabel im Stadtzentrum wurden so sauber und exakt verlegt, wie ich es bei öffentlichen Festen fast nie gesehen habe - keine Stolperfallen, alles präzise ausgerichtet."

Allerdings kann ein Fest noch so gut organisiert sein, vor Pannen ist niemand sicher. Sanitäter und Feuerwehrleute eilen am Samstagnachmittag zum Zelt eines Restaurants, in dem sich ein Brand entfacht hat. Eben saßen Dutzende Menschen an den Tischen. Ein paar Minuten später ist das Gelände rings um das Zelt evakuiert, Qualm steigt in den Himmel, die Feuerwehrleute rollen ihre Schläuche aus. Ihre schnelle Reaktion verhindert, dass sich der Brand ausbreitet.

Voll ist am Abend der Marktplatz zum Konzert von "Keimzeit". Die Band um den charismatischen Sänger Norbert Leisegang hat eine besondere Besetzung mitgebracht: Laura M. Schwengber ist Gebärdendolmetscherin und steht mit auf der Bühne. Sie tanzt und spricht dabei mit ihren Händen - jede Zeile und den Rhythmus übersetzt sie gestenreich für Gehörlose. Das Publikum zu ihren Füßen tobt und jubelt auch ihr zu.

Als die Dunkelheit hereingebrochen ist, geht über dem Schwanenteich eine brillante Licht-Feuer-Wasser-Show auf. Die Abendgala mit Pop-Act Cascada und Sänger Alexander Knappe ist der Höhepunkt des Tages. Am Ende sind alle tief bewegt von den Bildern, die an den Himmel gezeichnet werden.

Am Sonntag ging es munter weiter. Im Hof des Spremberger Schlosses schwitzen am Nachmittag bei 30 Grad Celsius Lufttemperatur junge Musiker der Kreismusikschule in barocken Kostümen. Das Programm "Zu Gast bei Herzog Heinrich" begeistert dennoch das Publikum.

Bürgermeisterin Christine Herntier (parteilos) freut sich zum Abschluss, dass mehr als 1500 Menschen ihren farbigen Handabdruck auf einem großen Band der Toleranz hinterlassen haben. "Das ist ein klares Bekenntnis", so Christine Herntier.

Kommentar: Spremberg in neuem Licht