Der Bedeutungsverlust setzt sich in der Politik fort, immer weniger Politiker bekennen sich als kirchentreue Christen, wobei der Verzicht des Bundeskanzlers auf die Gottesformel beim Amtseid nur ein besonders deutliches Zeichen war. Und in der Wirtschaft sind die Zeiten, als Vertreter der katholischen Soziallehre wie Oswald Nell-Breuning viel Anerkennung für ihre Ideen und auch Einfluss fanden, weitgehend Erinnerung.
Eine ganz andere Kirche wird sich bei dem ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin mit rund 190 000 Dauerteilnehmern präsentieren: Jung, lebensfroh, politisch engagiert, ein Fest des Glaubens und für fünf Tage Vision einer besseren Welt - gewaltfrei, dialogbereit, wertebewusst, soziale Gerechtigkeit und den Eine-Welt-Gedanken propagierend. "Ein neuer missionarischer Aufbruch" sei notwendig, sagt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann. Das Treffen diene der eigenen Ermutigung und Selbstvergewisserung der Christen, wirke aber auch in die Gesellschaft hinein.
Nur ein frommer Wunsch„ Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Manfred Kock, wehrt sich gegen Pessimismus, dass die Kirchen in Bedeutungslosigkeit versinken könnten: "Wie viel Salz brauchen Sie, um eine Suppe schmackhaft zu machen“ Unser Glauben ist nicht auf Statistiken fixiert, sondern auf einen geistlichen Mittelpunkt." Und Kock verweist auf das Beispiel DDR. Dort hätten die Christen als Minderheit in der Gesellschaft mit scheinbar geringen Mitteln viel erreicht: "den Durchbruch durch die Mauer ohne Blutvergießen, mit Kerzen und Gebeten".
Zu historischen Zäsuren war Berlin schon mehrfach Schauplatz von Katholikentagen oder evangelischen Kirchentagen: 1961, im Jahr des Mauerbaus, 1989 wenige Monate vor dem Fall der Mauer und 1990 im Jahr der Einheit.
Jetzt geht in Deutschland die Ära Wohlfahrtsstaat zu Ende, wie Politiker und Wissenschaftler unisono einräumen. Für den Umbau der sozialen Sicherungssysteme, für eine gerechtere Verteilung der Mangelware Arbeit, für einen Ausgleich der Generationen sucht die Politik Verbündete in der Gesellschaft. Die Kirchen wollen mitgestalten, wobei ihre Perspektive eindeutig ist - "anwaltschaftlich für die Armen und Benachteiligten einzutreten", wie es Lehmann formuliert. Nach Meinung von Kock verfügen die Kirchen "über einen großen Schatz von Erfahrungen und Werten, die für das Gerechtigkeitsverständnis und den sozialen Frieden in unserer Gesellschaft grundlegend sind". Es gehe darum, "parteipolitische Blockaden zu überwinden, Ängste abzubauen und Fixierungen auf Althergebrachtes zu lösen".
Die Kirchen als "ehrliche Makler" der Gesellschaft und Dialogforum? Der Ökumenische Kirchentag zumindest füllt diese Rolle aus, wie allein schon die hochkarätigen Referenten und die Themen von der Gentechnik bis zum Irak-Krieg und der Verantwortung der USA als Weltmacht zeigen. Kurz vor dem SPD-Sonderparteitag kommt Bundeskanzler Gerhard Schröder am Donnerstag zum Kirchentag, um mit Jugendlichen über die Zukunft Europas zu sprechen.
Außenminister Joschka Fischer und CDU-Chefin Angela Merkel suchen ebenfalls das Gespräch mit den Christen auf dem Kirchentag. Pikant: Direkt vor dem Kanzler-Auftritt wird Ex-SPD-Chef Oskar Lafontaine in der- selben Halle bei einer Veranstaltung über Populismus in der Politik dabei sein.