Als der Krieg nach Kobane kam, hatte Chelil Osman den härtestens Teil seines Lebens eigentlich schon hinter sich. Über Jahrzehnte ackerte der Kurde als Landarbeiter auf dem Feld, eine Schufterei, die Furchen in seinem Gesicht hinterlassen hat. Dann brachen die Kämpfe in seinem Heimatort ganz im Norden Syriens aus, und Chelil Osman entschied sich, zur Waffe zu greifen. Über Wochen stellte er sich auch der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) mit einem Gewehr entgegen. Dabei geht er schon auf die 70 zu.

Wie alt Chelil Osman genau ist, weiß er nicht. 65 vielleicht, sagt er, oder 66. Vor ihm liegen Zigaretten, von denen er in seinem Leben schon so viele geraucht hat, dass sie seine Finger und seinen Bart gelb gefärbt haben. Chelil Osman spricht mit schwacher Stimme, er ist schwer zu verstehen. Das Herz bereitet ihm Probleme, auch der linke Arm schmerzt noch. Heute gehe es ihm nicht so gut, sagt er. Ein Tropf im rechten Unterarm soll den Körper stärken.

Der Krieg hat den älteren Herrn gezeichnet. In Straßenkämpfen stand er den Terroristen, oft junge Männer, Auge in Auge gegenüber. Höchstens 20 Meter sei er von ihnen entfernt gewesen, erzählt er. "Dreckige Leute" seien die IS-Extremisten, flucht er. "Ich kämpfe, weil ich meine Ehre verteidigen will."

Vor etwa drei Wochen verletzten ihn dann Kugeln so schwer, dass er nicht mehr weitermachen konnte. Seine Kameraden brachten ihn auf einer Trage über die Grenze in die türkische Nachbarstadt Suruc. Hier harrt er jetzt im Zelt eines Flüchtlingslagers aus. "Mein Körper ist zwar hier", sagt Chelil Osman. "Aber meine Seele ist drüben in Kobane." Für viele Kurden ist er mit seinem starken Willen zu einem Symbol für ihren Widerstand gegen den IS geworden. "Den Unsterblichen" nennen sie Chelil Osman mittlerweile.

Immer wieder telefoniert er mit seinen zwei Söhnen, die in Kobane kämpfen. Seit Wochen belagert der IS die Grenzstadt und ist in mehrere Viertel vorgerückt. Täglich liefern sich Verteidiger und Extremisten heftige Gefechte, Menschen sterben auf beiden Seiten.

Wer mit dem Auto Suruc in Richtung Süden verlässt, erblickt Kobane nach wenigen Minuten. Granaten und Maschinengewehrsalven erschüttern die Stadt, schwarze Rauchsäulen steigen auf, vom Himmel ist das scharfe Rauschen von Flugzeugen zu hören. Auf einem der Hügel auf der türkischen Seite stehen Männer aus Kobane und verfolgen mit Ferngläsern, welches Drama sich in ihrer Stadt abspielt - der Kampf um Kobane spielt sich von hier aus ab wie auf einer Theaterbühne.

Suruc, früher eine verschlafene Grenzstadt, lebt seit Wochen im Ausnahmezustand. Die Plätze, Bürgersteige und Cafés sind voller Flüchtlinge aus Kobane, Autos schlängeln sich im Stau über das Kopfsteinpflaster der Straßen. Auch im Gebäude der pro-kurdischen Partei DBP herrscht ständig großes Gedränge - von hier aus organisieren die Kurden den Widerstand gegen den IS.

An diesem Tag drängeln sich im erste Stock mehrere Männer, die zurück nach Kobane wollen, um dort gegen die IS-Extremisten in die Schlacht zu ziehen. Der Rauch ihrer Zigaretten kriecht durch die Luft, grelles Licht erhellt den Flur, gelbe Farbe blättert von den Wänden.

Im Gewusel taucht Fauzia Abdi auf, eine Frau mit Lederjacke und Kopftuch. Für einen Augenblick lässt sie sich auf einem Sessel in einem engen Nebenraum nieder. "Wir warten auf den Tag, dass der IS aus der Stadt weg ist, dann beginnen wir mit dem Wiederaufbau", sagt die Ko-Vorsitzende des Parlaments von Kobane. "Ein Mensch der aufgibt, existiert nicht."

Seinen Rucksack gepackt hat auch Jussif, 18 Jahre alt, stämmiger Körper, er trägt Jeans und Stiefel. Seit mehr als drei Jahren sei er Soldat, sagt er und erzählt emotionslos, wie er IS-Kämpfer tötete, bis es ihn am linken Bein erwischte. Jetzt ist die Verletzung verheilt und er will schnell zurück nach Kobane. Ob er Angst hat, wird er gefragt. Jussif lächelt. "Vor denen habe ich keine Angst", sagt er.

Wie viele der Kurden aus Kobane hat auch Chelil Osman noch keinen Gedanken daran verschwendet, sich den IS zu ergeben. Er habe viele schwere Zeiten erlebt, sagt er, aber die vergangenen drei Jahre seit Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien seien die schlimmsten gewesen. Sein Haus ist zerstört, alles, wofür er im Leben geschuftet hat. Jetzt hat er nur noch einen Wunsch: "Ich warte sehnsüchtig darauf, dass ich zurück zu meinen Kameraden nach Kobane kann."