Viele seiner Arbeitskollegen fahren heute sowieso erst später nach Hause: Etwa 2000 Mitarbeiter des Marktes legen einen Zwischenstopp vor den Amtsräumen von Bürgermeister Ken Livingstone ein, um dort lautstark gegen dessen neues Verkehrsprojekt zu protestieren: Seit gestern Morgen müssen Autofahrer in der Londoner Innenstadt eine Maut-Gebühr bezahlen. Zwischen sieben Uhr und 18.30 Uhr ist an Werktagen für alle Autos, Lkw und Transporter eine "Stau-Abgabe" fällig.
Livingstone erhofft sich von der Maut eine erhebliche Reduzierung des vor dem Kollaps stehenden Londoner Verkehrs. Für etwa 20 000 Menschen könnte durch die Gebühr der Anreiz groß genug sein, auf Bus und U-Bahn umzusteigen, so hofft er. Die Erlöse aus dem Auto-Tarif will der linksgerichtete Politiker in die öffentlichen Verkehrsmittel stecken. "Diese Abgabe ist für die Arbeiterklasse eine Last", bemängelt dagegen Greg Lawrence, Sprecher des Smithfield-Marktes, der selbst in einem Vorort der teuren Hauptstadt wohnt. "Die Gebühr schluckt 14 Prozent unseres Wochenlohns." Das Londoner Bussystem sei keine Alternative zum eigenen Auto. "Wenn ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit käme, würde ich zweieinhalb Stunden brauchen", rechnet Lawrence vor. Mit dem Auto seien es nur 45 Minuten.
"Eine Steuer für die Reichen" und "Straßenraub", wettern auch konservative Politiker. Dass sich die verstopften Straßen der Sieben-Millionen-Metropole auf diese Weise entlasten ließen, bestreiten sie. "Der Berufsverkehr ist heute einfach früher gestartet und das wird in Zukunft so bleiben", glaubt der konservative Stadtrat Bernard Gentry. Für die Anwohner heiße das, dass sie noch früher aus dem Schlaf gerissen würden.
Die Beispiele Singapur und Oslo zeigen allerdings, dass Gebühren tatsächlich eine entlastende Wirkung haben können. Singapur führte bereits in den 70er-Jahren eine Maut ein. Nach Angaben der Interessengemeinschaft Allianz pro Schiene gingen die Autofahrten ins Stadtzentrum anschließend um 45 Prozent zurück. In der Innenstadt von Oslo reduzierte sich der Verkehr demnach binnen eines Jahres um zehn Prozent.
Das Londoner System ist wahrscheinlich die ausgeklügeltste Variante dieser Verkehrsmodelle: Rund 800 Überwachungskameras wurden installiert, um die Nummernschilder der Autos zu lesen und über eine riesige Datenbank mit den eingegangenen Gebührenzahlungen abzugleichen. Den Tagessatz von 7,50 Euro können die Autofahrer über Handy, Internet und Postämter sowie ausgewählte Läden begleichen. Von der Abgabe ausgenommen sind Busse, Taxen, Motorräder und Motorroller sowie Ärzte und Behinderte; für Anwohner gibt es einen Rabatt von 90 Prozent. Wer am Tag des Innenstadtbesuchs bis Mitternacht kein Geld überwiesen hat, muss mit einem Bußgeldbescheid über 120 Euro rechnen.
Die Großstädte der Welt blicken mit Spannung auf das Londoner Experiment. Sollte das elektronische System Erfolg haben, wird es vermutlich in vielen Ballungszentren Schule machen. "Der Verkehr war ganz gut heute Morgen", zieht der Handelsvertreter Paul Brooks eine erste Bilanz. Und auch die Zahlung der Tagesgebühr sei glatt gelaufen. "Ich habe gestern Abend per Telefon gezahlt, das war in drei Minuten erledigt", erzählt er. Ob das Projekt tatsächlich ein Erfolg werde, sei jetzt aber noch nicht abzusehen. "Wir sind gerade mitten in den Schulferien", erläutert auch der Anwalt Nigel Lambert. Ob sich die Maut-Gebühr tatsächlich bewährt, wird sich erst in der Schulzeit erweisen. Livingstone rechnet nach eigenen Worten selbst mit Kinderkrankheiten seines Projekts. Bis Mitte April sollen alle Fehler analysiert und behoben werden, kündigt er an.