Die Rettung für Rainer Weisflog war ein Baugerüst, das an einem Haus an der Ecke des Schillerplatzes in Cottbus errichtet worden war. "Von dort aus konnte ich alles sehen und meine Bilder machen", sagt der Fotograf. Was er von dem Gerüst aus verfolgen konnte, war die erste große Demonstration im Herbst 1989 in Cottbus. Schulter an Schulter standen die Menschen auf dem Platz vor dem Theater.

Mulmig sei ihm gewesen, erinnert sich Weisflog. Er hatte Angst, dass man ihn mit der Kamera für einen Mitarbeiter der Staatssicherheit halten könnte. Doch Weisflog war damals Angestellter der DDR-Nachrichtenagentur ADN. Einen offiziellen Auftrag zu fotografieren, hatte er an diesem Abend nicht: "Das war auch nicht nötig, das war einfach eine Nachricht."

Die Schauspielerin Cornelia Jahr, Mitbegründerin der DDR-weiten Oppositionsorganisation "Neues Forum" in Cottbus, hatte die Demonstration bei der Polizei angemeldet. Ohne große öffentliche Aufrufe verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer in der Stadt und Umgebung. Als er an dem Abend am Theater ankam, erinnert sich Reiner Weisflog, seien zunächst nur wenige Menschen dagewesen: "Dann war der Platz plötzlich voll."

Befreiend sei die Atmosphäre der Versammelten gewesen, sagt der Fotograf. "Ein erlösender Augenblick", sagt Michael Apel, damals mit nur 26 Jahren Ballettmeister am Cottbuser Theater, SED-Mitglied und einer der Demonstranten.

Mit 18 Jahren war er, als er seine Tänzerausbildung an der Dresdener Palucca-Schule begann, in die Partei eingetreten. "Ich war davon überzeugt", bekennt er ohne Zögern. Im Sommer 1989 war er einer, der die DDR retten und reformieren wollte, weil er alles um sich herum "zerbrechen und zerbröseln" sah: "Ich dachte, da muss einfach nur eine neue Generation ran."

Es war für ihn ein schmerzhafter Prozess, zu erkennen, dass die DDR nicht reformierbar war. Im Sommer 1990 erst war er zum ersten Mal mit einem Gastspiel im Westen. Heute sagt er: "Wenn man ein falsches System reformieren will, stärkt man es nur."

Einen Riss bekam sein Bild von der SED schon in der ersten Parteiversammlung, die er im Sommer 1989 am Cottbuser Theater erlebte. Ein Schauspieler wollte aus der Partei austreten. "Das durfte er aber nicht, er musste ausgeschlossen werden."

Zwei Tage nach der ersten Montagsdemo in Cottbus wurde Apel zum damaligen Intendanten zitiert, der ihn zur Rede stellte. Die Staatssicherheit, so der Intendant, habe ihn informiert, dass Apel zur Demo aufgerufen hätte, ein Irrtum.

Als letzter Parteisekretär des Theaters sammelte Michael Apel in den Herbstwochen vor 25 Jahren die Parteiausweise seiner Kollegen ein, die der SED den Rücken kehrten. Als die sich in die PDS umwandelte, trat Apel aus: "Ich wollte eine Auflösung und Neugründung der Partei."

Apel engagierte sich dann bei der "Vereinigten Linken", saß für die neue Gruppierung am Runden Tisch in Cottbus. Mit Liedermacher Gerhard Gundermann trat die Vereinigte Linke Anfang 1990 zur Volkskammerwahl an. "Da blies uns der Wind heftig ins Gesicht, alle wollten die Einheit", erinnert sich Apel. Einige Monate später war er Mitglied bei den Grünen. "Eigentlich hatte ich persönlich keine Wende, da gab es keinen Knick, ich war immer aktiv in dieser Zeit", erinnert er sich. Erst später, als seine Ehe zerbrach, habe er angefangen intensiver über sich nachzudenken, auch über Lebenslügen.

Als nach der staatlichen Einheit Betriebe geschlossen wurden und Menschen als Antwort darauf die PDS wählten, sagt Apel, habe bei ihm ein politischer Wandel begonnen. "Der Blick zurück war beginnende Verklärung, man hat ja gesehen, wie die Städte aufgeblüht sind." Inzwischen steht schon lange für ihn fest: "Es gibt keine ernsthafte Alternative zu Demokratie und Meinungsfreiheit."

Fotograf Rainer Weisflog war, anders als Apel nicht SED-Mitglied, aber wie er sagt "links". Auch er wollte im Herbst 1989 noch die DDR retten, aber "radikal verändern". Bei der ersten Demo in Cottbus, die er fotografierte, wäre er jedoch "vom Bauchgefühl her gern mitgegangen".

Wenige Tage später, am 4. November, fährt Weisflog nach Berlin zur Großdemo am Alexanderplatz, um zu fotografieren. Er hat ein kleines Radio mit Kopfhörern dabei. "Ich hatte immer noch Angst, dass was passiert", bekennt er.

Zwei Tage nach dem Mauerfall ist Weisflog in Westberlin: "Da habe ich die Wende richtig begriffen." Das Schönste sei damals für ihn gewesen, dass die Leute wieder in die DDR zurückgekommen seien. Ein halbes Jahr etwa ist der Fotograf in der Umbruchzeit bei den "Nelken", einer bald wieder verschwundenen, neuen marxistischen Partei aktiv. Als nach und nach die ökonomische Situation der DDR offenbar wurde, sei auch ihm klar geworden, dass die DDR nicht reformierbar gewesen sei, sagt Weisflog. Neben den ökonomischen Problemen seien auch die Menschen nicht mehr bereit gewesen für Reformen und einen "dritten Weg" im Osten: "Das DDR-System hatte den Bogen überspannt." Doch etwa zehn Jahre habe es gedauert, bis für ihn wirklich klar war, dass es gut war, wie alles gekommen sei.

Cornelia Jahr dachte am Abend des 30. Oktober 1989 keinen Moment daran, wie lange es die DDR noch geben wird. Der Schauspielerin, die heute in Berlin lebt, hatte bei der Polizei "ein Mann in Zivil" versucht, Angst einzujagen. "Die wollten, dass ich die Anmeldung zurückziehe", sagt Jahr. Der "Zivilist" habe gesagt, es seien Schläger unterwegs nach Cottbus, und dass ich dafür verantwortlich sei, wenn etwas passiere, erinnert sich die Schauspielerin. Jahr gehörte damals in Cottbus zu einer Gruppe, die die Gründung der Oppositionsplattform "Neues Forum" vorbereiteten. In der Gruppe habe es Bedenken gegeben, eine Demo-Anmeldung könne als Vorwand benutzt werden, um dem Forum die offizielle Zulassung zu versagen. "Die Situation war aber so, dass wir einfach nicht mehr warten konnten", begründet Cornelia Jahr, warum sie als Privatperson zur Polizei ging.

Der Augenblick, als sie dann vor dem Theater zu den Tausenden sprach, ist ihr bis heute in guter Erinnerung. Sie nannte ihren Namen und sagte, dass sie Mitglied einer Initiativgruppe zur Gründung des Neuen Forums sei. "Da haben die Leute schon gejubelt und geschrien."

Dass von den Demonstranten an diesem Abend Gewalt ausgehen könnte, davor habe sie keine Angst gehabt, aber vor möglichen Provokateuren. Doch es bleibt an diesem Abend und auch bei späteren Montagsdemos in Cottbus bis auf eine zerbrochene Fensterscheibe der Stasi-Bezirksverwaltung friedlich.

Cornelia Jahr wuchs in Dresden in einem christlichen Elternhaus auf. Zwei Jahre lang kämpfte sie um eine Genehmigung, eine berufliche Einladung in den Westen annehmen zu können. Buchstäblich im letzten Moment bekam sie den Reisepass. "Ich habe diese Willkür als tiefe Demütigung empfunden", sagt sie.

Trotzdem will auch sie im Herbst 1989 die DDR zunächst erhalten und reformieren. Erst langsam habe sie begriffen, dass das nicht möglich war wegen der wirtschaftlichen Probleme, der anhaltenden Abwanderung und des immer lauter werdenden Rufes nach der D-Mark. Die Behauptung, dass der Westen die DDR "annektiert" habe, sei deshalb völlig falsch.

Für die Psyche der Menschen wäre eine langsame Annäherung sicher besser gewesen, sagt Cornelia Jahr. Doch sie habe dem nicht lange nachgetrauert: "Dazu bin ich zu pragmatisch."

Seit dem Mauerfall genießt sie die Möglichkeit, zu reisen, wohin sie will. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft hat sie eine Deutschlandfahne aus dem Fenster gehängt.

Christoph Polster war bei der ersten Cottbuser Demonstration im Herbst 1989 für die "Sicherheit" zuständig. Der Cottbuser Pfarrer hatte schon Demonstrationen in Leipzig miterlebt. Er habe nicht mit so vielen Menschen gerechnet: "Für Cottbus war das ungeheuer viel." Auch Polster gehörte zu den Oppositionellen in Cottbus. Die hatten sich schon unter dem Dach der Oberkirche in verschiedenen Gruppen und Arbeitskreisen zusammengefunden. Aus diesem Kreis kamen im Herbst auch viele Aktivisten des Umbruchs.

Nach der Demonstration am 30. Oktober versuchte die SED in Cottbus, noch mal das Heft des Handelns in die Hand zu bekommen. An vielen Stellen in der Stadt wurden "Dialog-Foren" eingerichtet. Auch vor der Cottbuser Stadthalle sollte diskutiert werden. "Das war nicht unsere Ebene", sagt Polster.

Die neu entstehenden politischen Gruppen und Parteien wollten sich vorstellen, wollten in die Öffentlichkeit. "Da haben wir die Türen der Oberkirche aufgemacht." Ein mutiger Gemeindekirchenrat, in dem auch Cornelia Jahr saß, stand ihm dabei zur Seite.

Schnell wurde die Oberkirche zum Ausgangspunkt der Montagsdemonstrationen in Cottbus, die bis in den Januar 1990 hinein andauerten.

Michael Apel, der frühere Cottbuser Ballettmeister und überzeugte Kommunist, ist heute parteilos. Der Herbst 1989, das war für ihn eine Revolution. "Die DDR-Bürger haben ihre Regierung zum Teufel gejagt." Die nachhaltigste Erinnerung daran sei für ihn das Gefühl der Freiheit gewesen. "Von diesem Gefühl, davon zehre ich heute noch."