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Ein El Dorado aus Seifenblasen

FOTO: Mirko Sattler
Lichterfeld. Das Feel Festival am Bergheider See ist mehr Bereicherung denn Belästigung für die Region – und ein mehr als angenehmer Gegenentwurf zum G20-Wahnsinn. Steven Wiesner

Herbert Gahl erkennt seine Katze in diesen Tagen kaum wieder. Für fremde Menschen hatte sich sein Haustier eigentlich nie begeistern können. Doch gegenüber den Feel-Festival-Besuchern, die vor Gahls Gartengrundstück ihre Lager aufgeschlagen haben, kennt der Stubentiger keine Berührungsängste. "Die stehen ja früher auf als wir und dann spaziert unsere Katze immer rüber", lacht Gahl. "Das hat sie sonst nie gemacht."

Auch er selbst aber hat seine temporären Nachbarn, die den Bergheider See für die vergangenen vier Tage bewohnten und heute wieder abreisen, eher als Bereicherung denn als Belästigung wahrgenommen. "Endlich ist mal was los in der Region", freut sich Herbert Gahl. "Die Leute sind sehr freundlich. Es gibt keine Probleme. Alles prima!"

Ein Eindruck, den er nicht alleine gewonnen hat. Das Festival, das seit drei Jahren etwa 20 000 junge Menschen zum Feiern und Tanzen in die Lausitz lockt, hat nicht immer nur Befürworter im Umland gehabt. Um den Dialog zu suchen und mehr Akzeptanz zu erzielen, gewähren die Veranstalter Anwohnern aus den unmittelbaren Ortschaften freien Eintritt. Einige sind der Einladung gefolgt und mischten sich munter unter das Partypublikum. "Das ist eine super Sache", zeigt sich Horst Irrgang aus Lichterfeld begeistert. "Die Leute machen unsere Region bekannt. Man sollte nicht immer so viel meckern, es sind ja auch nur ein paar Tage." Auch der keineswegs penetrante, aber zeitweise sogar nachts konstant dumpfe Bass, der von den Boxen und 21 Bühnen ausgehen kann, stört den 76-Jährigen nicht. Er sagt augenzwinkernd: "Mit ein bisschen Wum Wum schläft man auch besser ein."

Junggeblieben zeigt sich auch Carola Kühn aus Klingmühl: "Es ist doch toll, was man hier für Leute trifft. Und es ist viel leiser als in den letzten Jahren." In erster Linie, weil die Ausrichtung der Bühnen angepasst wurde und die Lärmemission zusätzlich immer wieder mit Messungen kontrolliert wird.

Natürlich aber bleibt das Feel Festival trotz des ökologischen Ansatzes der Veranstalter vor allem eins: ein Festival. Und ein solches produziert auch Lärm, Müll und Gerüche. Die Vorteile für die Region überwiegen dennoch. Hotels und Pensionen sind ausgebucht, Taxis pendeln in Dauerschleife zwischen Festival-Areal und Finsterwalde. Und Supermärkte machen Umsätze, von denen sie sonst träumen müssten. "Vor dem Wochenende war unser Lager voll, jetzt ist es leer", lacht eine Kassiererin. Vor allem Dosenbier ist während eines Festivals ein Verkaufsschlager. Dieses überdimensionale Ferienlager mit Elektromusik, Alkohol - und wenn man manchem Zeitgenossen so beim unvorteilhaften Tanzen zusieht, auch mit der einen oder anderen Droge - kann aber weit mehr sein als nur ein Flower-Power-Woodstock für zugedröhnte Hippies. "Klar kommen manche nur wegen der Musik her und betrinken sich. Das Festival hat aber auch Inhalte zu bieten - wenn man will", sagt Festival-Besucher Frieder (26) aus Berlin. Vorträge oder Workshops zum Beispiel, bei denen die Jugendlichen zu gesellschaftlichen oder politischen Themen referieren können.

Die Veranstalter haben am Bergheider See eine Wohlfühloase geschaffen, in der man sich schon bemühen müsste, keinen Spaß zu haben. Es ist eine kleine Republik für sich, in der Werte wie Freiheit und Toleranz gelebt werden sollen. Ein El Dorado, in dem Seifenblasen durch die Gegend fliegen. Das friedliche Mit- und Nebeneinander der Partyinvasion ist ansteckend - und während in Hamburg zeitgleich bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen, ein angenehmer Gegenentwurf zum G20-Wahnsinn. "Man merkt, dass sich die Leute wohl fühlen, weil jeder sein kann, wie er will. Und die F60-Brücke bietet eine perfekte Kulisse", sagt Florian (23) aus Hamburg. "Ein Utopia, in dem man Sorgen vergisst" soll das Feel Festival darstellen. "Und das trifft es ganz gut", loben auch Maik (25), Tabea (22) und Effi (27) aus Berlin. "Es ist wie im Urlaub, und alle sind entspannt, keiner will einem was Böses." Eine Grundstimmung, die scheinbar auch mal sonst eher scheue Vierbeiner anstecken kann.