Genaue Zahlen über zivile Opfer gibt es laut Nato auch nicht. Wichtig sei nur, dass das politische Ziel erreicht worden sei: die Verhinderung einer vom serbischen Regierungschef Slobodan Milosevic angeordneten "ethnischen Säuberung" des Kosovos von seiner albanischen Bevölkerung. "Eine gerechte und notwendige Aktion" nannte Nato-Generalsekretär Lord Robertson die erste große Kriegshandlung, an der sich praktisch alle der damals 19 Nato-Mitglieder beteiligten. 300 000 Kosovaren seien bereits Ende 1998 auf der Flucht gewesen. Der Einsatz habe eine humanitäre Katastrophe verhindert: "Die schlimmste ,ethnische Säuberung', die wir während eines halben Jahrhunderts in Europa gesehen haben, wurde gestoppt und rückgängig gemacht." 10 484 KampfeinsätzeIn der Nato-Zentrale in Brüssel wird der Luftkrieg gegen Serbien - insgesamt 38 000 Flüge, davon 10 484 Kampfeinsätze von Flugzeugen mit Präzisionsbomben an Bord - als wichtiger Erfolg gesehen. Die Bevölkerung des Kosovos sei geschützt, der als Kriegsverbrecher angeklagte Milosevic zur Kapitulation gezwungen worden. Zugleich sei das Bündnis nicht auseinandergebrochen. Und vor allem gegenüber Russland habe die Nato gezeigt, dass sie auch militärisch ernst zu nehmen sei. "Hätte man es besser machen können?" heißt es auf der Internet-Seite der Nato. Denn auch dort ist klar, dass eine Reihe von Fragen umstritten ist. Ob die Luftangriffe auch ohne UN-Mandat zulässig gewesen seien, gehört dazu. Juristen streiten sich, ob es sich wirklich um einen Völkermord gehandelt habe, der eine Intervention rechtfertigen könne. Die Nato-Chefs selbst zweifeln nicht an der Rechtmäßigkeit. Sie verweisen auch darauf, dass während des Luftkriegs kein einziger Nato-Soldat im Kampf getötet wurde. Kritiker meinen hingegen, dies sei nur möglich gewesen, weil die Nato keine Bodentruppen eingesetzt, sich auf Bombardierungen aus großer Höhe beschränkt und damit zivile Opfer in Kauf genommen habe.Die Nato widerspricht vehement: Die Ziele seien genau ausgewählt worden, um Zivilopfer zu vermeiden. "Aber es war unvermeidlich, dass Fehler passierten und dass Waffensysteme manchmal nicht korrekt funktionierten." Das Bündnis beruft sich auf eine Schätzung von "Human Rights Watch", wonach es 90 "Zwischenfälle mit Ziviltoten" gegeben habe. Frage nach der KapitulationDie Frage, was Milosevic zur Kapitulation zwang, wird bis heute diskutiert. Die Nato sieht den Abzug aus dem Kosovo als Folge der zunehmenden Zerstörungen in Serbien, der Verstärkung der Luftangriffe, des drohenden Einsatzes von Bodentruppen und einer politischen Wende des damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin. Zbigniew Brzezinski, einst Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, meint, Jelzin und Milosevic hätten sich verkalkuliert: Eigentlich habe Moskau zumindest Teile des Kosovos für Serbien sichern wollen, sei daran aber von der Nato gehindert worden.