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| 01:02 Uhr

Ein einfahrender Zug als Symbol für das Grauen

Mit Warnungen vor dem Wiedererstarken von Antisemitismus und dem Aufruf zum Schutz von Minderheiten haben gestern in Auschwitz Politiker und Holocaust-Überlebende der Befreiung des Konzentrationslagers vor 60 Jahren gedacht. Bei der ergreifenden Gedenkfeier nannte der polnische Präsident Aleksander Kwasniewski das Konzentrations- und Vernichtungslager eine „Warnung“ an künftige Generationen. Von Anke Landmesser <br> und Eva Krafczyk

Das Geräusch eines einfahrenden Zuges hallte über Lautsprecher durch das verschneite Todeslager. Es ließ die rund 10 000 Teilnehmer an der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau erschauern.

Zu Nummern gemacht - warum„
"Warum, warum, warum“" Die Stimme der älteren Frau mit dem David stern um den Hals klingt heiser von unterdrückten Gefühlen, als sie ihre Frage förmlich hinausschleudert. "Warum haben sie uns, dem jüdischen Volk, die Freiheit genommen, warum haben sie uns zu Nummern gemacht?" Trotz eiskalter Temperaturen krempelt sie den Ärmel hoch, hält den Staats- und Regierungschefs, die sich auf dem Gelände von Birkenau versammelt haben, den Arm mit der tätowierten Häftlingsnummer entgegen. Es war eine von vielen bewegenden Gesten am 60. Jahrestag der Befreiung des größten deutschen Vernichtungslagers. Dort waren von 1941 an vier Jahre lang mehr als eine Million Männer, Frauen und Kinder ermordet worden.
Neben Kwasniewski sprachen der russische Präsident Wladimir Putin für die Befreier sowie der israelische Präsident Mosche Katzav für die ermordeten Juden. Rund 1000 Überlebende nahmen bei Minustemperaturen und Schneegestöber an der Feier vor der Gedenkstätte zwischen den Lagern Auschwitz und Birkenau teil. Rund 7000 Insassen hatte die Rote Armee dort vor 60 Jahren befreit; einige der gestern an den Ort des Schreckens Zurückgekehrten trugen Häftlingskleidung.
Für die Überlebenden hielt unter anderen der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, eine Rede - auf Deutsch. Rose, der selbst 13 Mitglieder seiner Familie durch den Holocaust verlor, erinnerte zwischen den Ruinen zweier Gaskammern an die 500 000 Sinti und Roma, die die Nazis in Europa ermordeten.

Das Grauen nie vergessen
Die Mahnung "Nie wieder Auschwitz" ist auch 60 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft aktuell, doch gerade die Zeitzeugen zeigten sich gestern desillusioniert. "Unser aller Wunsch, dass dies niemals wieder geschehen soll, hat sich nicht erfüllt", sagte Simone Veil, die ehemalige Präsidentin des Europäischen Parlaments, die als 17-Jährige Auschwitz überlebte. Auch nach Auschwitz sei Völkermord möglich gewesen. Der frühere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, der als 18-jähriger Abiturient im Herbst 1940 als Häftling nach Auschwitz kam, nannte es daher den letzten Willen der noch lebenden Häftlinge, das Grauen von Auschwitz niemals vergessen zu lassen. "Wir wollen glauben, dass die Erinnerung an das unvorstellbare Leid der Opfer dieses Ortes neue Generationen verpflichtet, in Respekt vor der Würde jedes Menschen zu leben."