Prof. Emmermann, wie verhärtet sind die Fronten zwischen Ihnen und der Frau Ministerin?
Es gibt keine Fronten. Ich will überhaupt nicht als Gegenpart zu Frau Kunst gesehen werden. Wir sind uns einig, dass es in der Lausitzer Hochschullandschaft Veränderungen geben muss und dass diese Veränderungen auf Grundlage der Empfehlungen unserer Kommission entwickelt werden. Darüber, in welchem strukturellen Rahmen dieser Reformprozess am effektivsten ablaufen kann, sind wir im Gespräch. Und ich bin zuversichtlich, dass wir am Ende zu einem guten Ergebnis kommen werden.

Wie haben Sie überhaupt die Arbeit der Hochschulen bewerten können? Gibt es da gerechte, nachvollziehbare Verfahren?
Wir haben zusätzlich zu den fünf Mitgliedern unserer Kommission Experten beauftragt, uns zu unterstützen. Insgesamt haben 32 Wissenschaftler, je 18 aus dem Bereich der Universitäten und 18 aus dem Bereich der Fachhochschulen Bestandsaufnahme gemacht. In zweitägigen Besuchen vor Ort haben wir sehr genau analysieren können, wo die jeweiligen Stärken und Schwächen der Hochschulen liegen. Dabei haben wir unterschiedliche Maßstäbe angelegt. Bei der BTU ging es eher um den Bereich Forschung und Lehre, bei der Fachhochschule um die Vernetzung mit der regionalen Wirtschaft, um Praxisorientierung. Bezüglich der Forschung haben wir das vom Wissenschaftsrat entwickelte und von der Leibniz-Gemeinschaft perfektionierte Evaluierungsprogramm für Forschungseinrichtungen verwendet.

Die Hochschule Lausitz hat dabei sehr gut abgeschnitten. Warum sollte sie sich überhaupt verändern müssen?
Die FH ist tatsächlich gut aufgestellt. Man kann sie im Bundesvergleich im oberen Mittelfeld ansiedeln. Die Studenten sind zufrieden, die Ausbildung ist sehr gut, die Ausstattung ebenfalls. Der Bereich Biotechnologie entspricht sogar universitären Standards. Andere Teile haben aber eben tatsächlich Fachhochschulniveau. Der Bereich Energietechnik etwa wird etwas überhöht dargestellt. Um auch in Zukunft genügend Anziehungskraft auf Studenten auszuüben, muss sich auch die FH bewegen.

Die BTU hat in Ihrer Bewertung nicht so gut abgeschnitten. Da überrascht es, dass die Studenten so aktiv für ihre Uni kämpfen.
Der Protest bestätigt nur, was wir schon wussten: Die Studenten fühlen sich sehr wohl an der BTU. Die Ausbildung ist sehr gut und wir haben nur in kleineren Punkten Verbesserungsvorschläge gemacht. So wäre es sinnvoll, statt zu vieler kleiner Studiengänge größere Ausbildungseinheiten zu bündeln. Was aber an der BTU wirklich fehlt, ist eine breite Aktivität im Forschungsbereich. Es gibt zwar eine Reihe guter und sehr guter Lehrstühle, die machen aber nur etwa ein Drittel aus. Der Rest segelt im Windschatten der aktiven Forscher mit. Das kann sich eine kleine Universität einfach nicht leisten. Es werden deutlich zu wenig Doktoranden ausgebildet, außerdem gibt es noch keine Lösung für das alte Problem der Mitgliedschaft in der Deutschen Forschungsgemeinschaft - eigentlich ein Muss für eine technische Universität.

Woran liegt das?
Es gibt viele Faktoren, die hier eine Rolle spielen. Sicherlich gehören Managementschwächen dazu. So wurden in der Vergangenheit Professuren nicht so besetzt, dass Schwerpunkte sichtbar wurden. Eine Streuung hat die Kräfte nicht ausreichend gebündelt. Ein Fehler, der etwa sichtbar wurde beim Wettstreit um das Ressourcen-Institut, den Dresden/Freiberg gewonnen hat. Auch Uneinigkeiten zwischen Senat und Präsidium spielen eine Rolle.

Dann macht doch die Idee der Ministerin Sinn, eine völlig neue Universität zu gründen.
Wenn ich Frau Kunst richtig interpretiere, glaubt sie tatsächlich nicht, dass es möglich ist, derart große Veränderungen, wie wir sie vorschlagen, innerhalb der bestehenden Leitungs- und Entscheidungsstrukturen umzusetzen. Es würde nicht lange dauern, beide Hochschulen zu schließen und eine neue zu gründen. Doch der dann folgende Orientierungsprozess bräuchte wahrscheinlich viele Jahre. Ich befürchte, viele gute Professoren würden die BTU in der Zwischenzeit verlassen, neue erst gar nicht kommen. Wenn die BTU also jetzt aktiv wird und tatsächlich ihren Veränderungswillen beweist, kann sie Vieles erreichen.

Also vielleicht doch um eine Neugründung herumkommen?
Es wäre falsch, jetzt auf eine Entscheidung über die künftige Struktur zu warten. Wenn die Hochschulen jetzt zügig konstruktive Vorschläge zur inhaltlichen Arbeit vorlegen, wird die Ministerin sich nicht sträuben, diese umzusetzen. Es war ein gutes Signal, dass die BTU akzeptiert hat, auf Grundlage unserer Vorschläge und gemeinsam mit externen Beratern an Reformen zu arbeiten. Die Uni sollte jetzt einen guten Masterplan auf den Tisch legen. Aber in der Hochschule Lausitz gibt es etliche Befürworter einer Neugründung. Ich glaube, dort ist man sich nicht über alle Konsequenzen dieses Schrittes im Klaren. Einige Dozenten glauben wohl, sie würden automatisch auf einen universitären Status angehoben. Das ist falsch. Die Ministerin will auch künftig an einem Fachhochschulteil festhalten.

Wie also könnte Ihrer Meinung nach die künftige Uni in der Lausitz aussehen?
Zwei Einrichtungen, wie wir sie beschrieben haben. Aber eventuell mit gemeinsamer Administration. Darunter eigene Führungseinheiten für Universität und Fachhochschule. Ein dritter Weg also, der für alle Seiten gangbar wäre.


Zum Thema:
Die Lausitzkommission schlägt folgende Hochschulstruktur vor: An der Hochschule Lausitz soll es künftig drei eigene Fakultäten geben. Das Ingenieurwesen und die Informatik bilden eine Fakultät, Biotechnologie und Chemische Verfahrenstechnik eine zweite. Eine dritte, neue Fakultät soll den Bereich Gesundheits- und Sozialwesen umfassen. Hier würde die bisherige "Soziale Arbeit" und die Musikpädagogik eingegliedert. Das Gesundheitswesen gilt der Kommission als besonders zukunftsträchtiger, ausbaufähiger Bereich. Die BTU erhält ebenfalls drei Fakultäten. Energie und Umwelttechnik sind Schwerpunkte der künftigen Fakultät 1, Informationstechnologien und Mathematik werden zur Fakultät 2 zusammengefasst, Maschinenbau mit den Produktionswissenschaften, Materialwissenschaften und Physik bilden die dritte Fakultät. Eine hochschultypübergreifende Fakultät sollen das Bauingenieurwesen und die Architektur bilden, da hier weniger die Promotion als der Praxisbezug im Vordergrund des Studiums steht. Die Struktur der BTU, die Stadtplanung, Architektur und Bauingenieurwesen verbindet, soll erhalten bleiben, da sie deutschlandweit Vorbildcharakter hat. Im Prüfbericht der Kommission schnitt der Bereich Bau der FH nicht so gut ab. Betriebswirtschaftslehre soll ebenfalls hochschultypübergreifend angeboten werden, um die Durchlässigkeit zu erhöhen. Ein gemeinsames Doktorandenkolleg soll es auch Studierenden der FH ermöglichen, zu promovieren. Das Promotionsrecht soll allerdings weiterhin alleiniges Recht der BTU bleiben. Um Defizite der Studienanfänger im Bereich der Naturwissenschaften auszugleichen, soll ein gemeinsames Kolleg Grundlagen im naturwissenschaftlich-technischen Feld legen und die Studierneigung in der Region erhöhen. Schließlich soll ein Lausitzzentrum für Weiterbildung in Zusammenarbeit mit der regionalen Wirtschaft duale Studiengänge und lebenslanges Lernen ermöglichen. Dieses Modell hätte deutschlandweit Vorbildcharakter. Andrea Hilscher