Als Manfred Horn sich schon in Rage geredet hat, klingelt sein Handy in der Arbeitshose. Ein Fernsehsender ist dran, will den aufrührerischen Schäfermeister filmen. Die Redakteurin fragt, wann Horn seine Schafe wieder raus ins Freie lässt. Die Gefahr durch den Wolf lasse sich draußen nämlich besser filmen. Erstmal nicht, jetzt liegt Schnee. Es ist Lammzeit bei Schäfer Horn im Neustädter Ortsteil Berthelsdorf, seine 200 Texelschafe mümmeln ihr Heu im Stall. Lämmer strullern in die Streu. Der Meister stapft mit der Nuckelflasche umher, tätschelt die Kleinen, befühlt die Bäuche von schwangeren Tieren.Was die Wölfe jetzt im Winter so fressen, wer weiß? "Ich habe nichts gegen die Wölfe", stellt der 47-Jährige klar. "Das sind Tiere, die ein Recht haben, in der Natur zu leben. Aber da, wo es nicht passt, können sie nicht leben." Das hat er schon Zeitungen gesagt, Fernsehsendern, Sachsens Landtagspräsident Matthias Rößler (CDU) und Umweltminister Frank Kupfer (CDU) bei einer Live-Debatte im TV. Nach jedem Auftritt unterschrieben noch mehr Leute auf seiner Anti-Wolfs-Liste. Inzwischen sind rund 10 000 Unterschriften zusammen "gegen die unkontrollierte Ausbreitung der Wölfe". 10 000 aus ganz Sachsen sind für den Abschuss "einzelner Wölfe, die sich Siedlungen und landwirtschaftlichen Nutztieren nähern", wie es in dem Aufruf heißt.


Als Streuner oder Schatten

Schuld an der Aufregung ist eine nette junge Familie, die im Herbst in den Hohwald zwischen Sächsischer Schweiz und Oberlausitz gezogen ist. Papa, Mama und höchstwahrscheinlich drei Jungtiere, so schätzt das Kontaktbüro Lupus das Hohwald-Rudel ein. Papa Wolf kam schon im Oktober in die Region, wo er auch in die Fotofalle tappte. Er fand es offenbar schön in der zerklüfteten, waldigen Sächsischen Schweiz und holte bald seinen Anhang nach. Seitdem haben die dortigen Einwohner amtlich, was sie eigentlich schon seit 2009 wissen: Sie leben im Wolfsgebiet. Gesehen wurden Wölfe manchmal - als Streuner im Feld oder als Schatten. "Klar sind das Wölfe", sagt Horn, "Sonst müsste ja der ganze Hundesportverein seine Hunde losgelassen und hinterher wieder eingefangen haben."

Im März vergangenen Jahres setzte Familie Wolf ein deutliches Zeichen, als sie ihren Wocheneinkauf auf Schäfer Horns Weide erledigte. Der kam, wie üblich, früh um vier Uhr raus, da liefen ihm seine verstörten Schafe schon entgegen. Einige Tiere lagen panisch zuckend auf dem kalten Boden. Fünf einjährige Mutterschafe waren gerissen. Die Schlauberger, die ihm jetzt mit Tierschutz kämen, die hätten das mal sehen sollen, sagt Horn. Ein Netter ist er, der dreifache Familienvater mit dem mehr als 200 Jahre alten Hof. Aber seinen hausgemachten Hype spielt er genüsslich mit. Als hauptberuflicher Schäfer hat man es schließlich ohnehin schwer genug.

Schon 27 tote Schafe

Nach den Wölfen kamen die Experten vom Landratsamt. Die stellten fest, dass im vorliegenden Fall tatsächlich Wölfe am Werk waren. Was Schäfer Horn nur bedingt half, denn sie fanden auch, dass seine Zäune nicht den Vorschriften zum Herdenschutz entsprächen: Bei nur zwei Drähten am Zaun lacht das Raubtier sich eins. Pech für Horn, nach knapp einem Jahr hat er seine fünf toten Schafe noch nicht ersetzt bekommen. Er und sein Kollege Eberhard Klose haben nachgezählt: 27 Schafe rund um Berthelsdorf und Oberottendorf gingen schon auf das Konto der Hohwalder Wölfe. Das Wolfsbüro spricht indes von acht bis zehn. Nicht jeder hat sein gerissenes Tier auch gemeldet - der Aufwand sei zu hoch, und Entschädigung gibt es auch nicht ohne Weiteres. Ein Kollege Horns hätte auch fünf gerissene Schafe gehabt - und der Herdenschutzhund hätte verletzt daneben gelegen.

Da war für die sonst so gemütlichen Hirten das Maß voll. Sie machten in der Gegend mobil. Ein Bekannter bastelte eine Internetseite mit dem Aufruf zur Massenpetition gegen den Wolf. Bürgermeister verlangten Aufklärung über die Zuzügler, die Kirchgemeinde sammelte Unterschriften, die meisten beim Weihnachtsgottesdienst. Keiner habe abschätzen können, was mit dem Wolf auf sie zukommt, heißt es immer wieder.

André Klingenberger kann da nur den Kopf schütteln. Seit Jahren redet er sich bei Vorträgen vor Nutztierhaltern den Mund fusselig. Für das Wolfsbüro tourt er durch die Lande mit seinem Vortrag über die Ausbreitung der seltenen Tiere in Sachsen, über ihre Lebensweise, über aktuelle Rudelterritorien, über das schwierige Thema "Wölfe und Menschen". Und vor allem über die Schutzmaßnahmen, die der Freistaat fördert. Klingenberger ist ein service-orientierter Wolfsmanager, dem ein Vorwurf an Betroffene schwer über die Lippen kommt. Er sagt es mal so: "Ich hatte eigentlich gehofft, dass bei den professionellen Schafhaltern dieses Thema durch ist." Das Gebiet um Berthelsdorf ist seit 2009 in der Förderkulisse. Man habe das damals breit auf allen Kanälen veröffentlicht. Wer von den geförderten Herdenschutzmaßnahmen keinen Gebrauch mache, sollte hinterher nicht schreien, lässt Klingenberger ganz vorsichtig mitschwingen. Er findet schon, dass der Freistaat mit alldem "recht großzügig" auftritt: Elektrozäune mit allem, was dazu gehört werden mit 60 Prozent gefördert. Der Herr Horn, sagt Klingenberger, hätte das auch gewusst.

"Ich - das höhere Lebewesen"

Dem geht inzwischen das gesamte Wolfsmanagement im Freistaat auf die Nerven: "In Sachsen gibt es pro Quadratmeter mehr Wölfe als in Skandinavien. Das ist zu viel für ein dicht gesiedeltes Gebiet." Es sei ja auch ein natürlicher Vorgang, dass das jeweils höhere Lebewesen seinen Lebensraum sichere. "Und das höhere Lebewesen bin in diesem Fall ich." Spricht er, lächelt süffisant und schenkt seinen kauenden Schafen mit dem Schlauch Wasser nach.