Als für die Deutschen im Oktober 1990 gerade langsam der Winter begann, erlebte Noack in der Antarktis den Süd-Sommer. Die Temperaturen steigen dann im Küstenbereich der Antarktis meist auf milde neun Grad Celsius. Die Durchschnittstemperatur liegt bei etwa minus 40 Grad Celsius. Denn das Leben ist rau am Südpol, und so leben im Winter gerade einmal 1000 Menschen dort. Vor knapp 22 Jahren entschied sich auch der Cottbuser Gerold Noack, in der Antarktis zu leben.

"Zu entdecken gab es genug", sagt er auch noch heute. Gerold Noack ist Geodät, ein Fachmann im Vermessungswesen, und einer der letzten vier offiziellen "Überwinterer" in der DDR-Forschungsbasis - der Georg-Forster-Station - in der Antarktis. Die Georg-Forster-Station ist die erste deutsche Antarktis-Station gewesen. Sie wurde am 21. April 1976 von der DDR in Betrieb genommen. Die ganzjährig besetzte Station lag in der Nähe der sowjetischen Nowolasarewskaja-Station in der Schirmacher-Oase.

Für die letzte Tour ausgewählt

Bereits im Studium, als sein Geodäsielehrer Siegfried Meier an der Technischen Universität in Dresden von seinen Expeditionen auf Spitzbergen und in der Antarktis in den 1960er- und 1970er-Jahren erzählte, spielte Noack mit dem Gedanken, in die Antarktis zu reisen. Schließlich bewarb er sich als junger Assistent an der Hochschule in Cottbus noch zu DDR-Zeiten für eine Antarktis-Expedition. Noack hatte Glück. Kurz nach der Wende im Alter von 33 Jahren wurde er für die letzte Expedition auf der Georg-Forster-Station vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut ausgewählt.

Keine Cola, kein TV, keine Familie

"Die Expedition möchte ich heute nicht mehr missen, obwohl sie jeden von uns verändert hat", erklärt Gerold Noack. In der Antarktis angekommen gab es für Noack erst einmal nur Blau und Weiß. Das Blaue, das ist der Himmel, das Weiße ist das Eis. "Doch schon bald bemerkte ich die schlichte, aber überwältigende Natur in ihrer riesigen Ausdehnung und die einzigartige Stille", erzählt Noack. Er musste auch feststellen, dass ein Mensch zum Leben nicht viel braucht. So hatte Noack in der Antarktis kein Handy, keinen Fernseher und kein Auto. Er sah keine grünen Bäume mehr, konnte nicht Radfahren und nicht Schwimmen. Er verzichtete anderthalb Jahre auf Cola, auf das Einkaufen und vor allem auf Familie und alte Freunde. "Es ist schon spannend und nicht ganz problemfrei, sich für so lange Zeit neben die bekannten Gesellschaftsformen zu stellen."

Dafür beschäftigte sich Noack immer mit der Arbeit. Zu seinen Hauptaufgaben zählte das Vermessen des Eises und der Schwere. Bewegt sich das Eis? Wird es mehr oder weniger? Wie ist der Schweregrad? "Unser Ziel als Forscher bestand darin, weiße Flecken in der Antarktis zu erschließen", erzählt er. Andere Kollegen konzentrierten sich beispielsweise auf die Überwachung des Ozonlochs durch Ballon-getragene Ozonmessungen. Für Noack hieß es also tagein, tagaus: Messen, Schreiben, Rechnen und Lesen.

Freizeit gab es selten. "Gerade einmal den Sonntagnachmittag gestalteten wir individuell", erinnert sich Noack. Zu seinen Hobbys in der Antarktis zählten: Fotografieren, Tagebuch schreiben, im Sommer Pinguine und Raubmöwen beobachten und außergewöhnliche Steine sammeln. Aber auch kleine Feste wurden an den Sonntagen veranstaltet, um nicht abzustumpfen.

Die Erfahrungen auf der Antarktis-Station Georg Forster, die im Februar 1993 dann geschlossen wurde, möchte Gerold Noack nicht missen. Deshalb erzählt er heute als Professor an der Hochschule Lausitz seinen Studenten im Lehrgebiet Vermessung gerne von seiner Expedition und seinen Erinnerungen an den Kontinent. Vielleicht wird einmal einer seiner Studenten an einer Antarktis-Expedition teilnehmen. So wie er vor fast 22 Jahren.