Zwei Stimmen fehlten dem CDU/CSU-Herausforderer am 27. Ap ril 1972, um anstelle von Willy Brandt ins Kanzleramt einzuziehen.

Stasi kaufte zwei Stimmen
Erst nach der Wende sickerten genauere Informationen zu dem gescheiterten Misstrauensvotum. Mit 247 gegen 249 Stimmen verlor Barzel damals die von ihm angezettelte Kampfabstimmung gegen Brandt. Dabei verhalfen ausgerechnet zwei Mann aus der Union dem SPD-Kanzler zur Mehrheit. Mittlerweile ist bekannt, dass sich für 50 000 Mark der CDU-Abgeordnete Julius Steiner von der Stasi schmieren ließ. Für die gleiche Summe soll der CSU-Mann Leo Wagner seine Stimme zugunsten von Brandt verkauft haben. Dies ergaben jüngst veröffentlichte Auswertungen von Stasi-Informationen aus den Rosenholz-Akten.

Opfer der Flick-Spendenaffäre
Im Jahr 1984 gab Barzel sein Amt als Bundestagspräsident wegen angeblicher Verwicklungen in die Flick-Spendenaffäre auf. Zuvor war bekannt geworden, dass der Flick-Konzern an eine Frankfurter Anwaltskanzlei, für die auch Barzel tätig gewesen war, in den 70er-Jahren rund 1,7 Millionen D-Mark an Beraterhonoraren überwiesen hatte. Barzel wehrte sich entschieden, aber letztlich vergebens gegen die vermutete Verbindung der Überweisungen mit politischen Entscheidungen und einer Steuerbefreiung für den Flick-Konzern.
Mit der Aufgabe des Amtes des Bundestagspräsidenten wurde Barzels endgültige Niederlage im jahrelangen Konkurrenzkampf mit Helmut Kohl offensichtlich. 1987 verabschiedete sich der streitbare Politiker nach 30 Parlamentsjahren ins Privatleben. Er meldete sich immer wieder mit Sachbüchern oder in Talkrunden zu Wort. Doch mit der Wiedervereinigung wurde es still um Barzel, der nach dem Krieg zeitweise einer der einflussreichsten Politiker der "Bonner Republik" gewesen war.
Ende 1962 wurde er im Kabinett von Konrad Adenauer Minister für Gesamtdeutsche Fragen. 1963 übernahm er den Vorsitz der CDU/CSU-Fraktion. Unter der Kanzlerschaft von Ludwig Erhard gelang es dem jungen Barzel, eigentliche Schaltstelle der Regierungspolitik zu werden. In der großen Koalition vom Herbst 1966 an arbeitete er eng mit dem damaligen SPD-Fraktionschef Helmut Schmidt zusammen. Gegen die sozial-liberale Koalition konnte er eine schlagkräftige Opposition organisieren. Barzels Karriereweg führte steil nach oben. 1971 konnte er sich gegen seinen in der rheinland-pfälzischen Provinz aufstrebenden Konkurrenten Kohl bei der Wahl zum CDU-Vorsitzenden noch durchsetzen. Mit der Niederlage beim Misstrauensvotum verließ Barzel dann die politische Fortune. Er konnte zwar noch dafür sorgen, dass die im Zusammenhang mit der Politik des Wandels durch Annnäherung mit osteuropäischen Staaten geschlossenen Verträge im Parlament nicht scheiterten. Während aber Barzel Zustimmung empfahl, entschied die Fraktion sich nur für Enthaltung.
Als die CDU/CSU im Bundestag ihrem Chef auch beim deutschen UN-Beitritt nicht folgen wollte, trat Barzel im Mai 1973 vom Fraktionsvorsitz zurück. Im Juni gab er dann auch den Parteivorsitz an Kohl ab. Dieser holte ihn 1982 als innerdeutschen Minister in sein Kabinett. Ein Jahr später wurde Barzel für kurze Zeit noch Bundestagspräsident.
Bittere Schläge musste er auch privat hinnehmen. Seine erste Frau Kriemhild starb 1980 nach 30 Ehejahren an Krebs. Drei Jahre zuvor hatte sich die einzige Tochter das Leben genommen. 1982 heiratete Barzel Helga Henselder. Sie verunglückte im Dezember 1995 tödlich. 1997 heiratete er die Schauspielerin und Regisseurin Ute Cremer und zog in die Nähe von München.

Gast bei Merkels Vereidigung
Bei der Vereidigung von Angela Merkel als erste Bundeskanzlerin vor neun Monaten saß der von seiner Krankheit sichtlich gezeichnete Rainer Barzel auf der Ehrentribüne des Bundestags.