Die erste Rezension, nach einem halben Jahr, zeigte, dass der Verfasser das 856-Seiten-Werk nicht ausreichend verstanden hatte. Erst nach Jahren wurde seine bis heute reichende fundamentale Bedeutung allmählich erkannt. Der später selbst berühmte Arthur Schopenhauer (1788-1860) nannte es "das wichtigste Buch, das jemals in Europa geschrieben worden".
Wer sich jetzt durch die Würdigungen Kants aus Anlass seines heutigen 200. Todestags zur Lektüre versucht fühlen sollte, sei jedoch von Kant-Kennern gewarnt: Kant ohne gründliche philosophische Schulung lesen zu wollen, sei wie den Mount Everest barfuß besteigen oder den Atlantik mit der Kraft der eigenen Arme durchschwimmen zu wollen.
Kants Philosophie war der Versuch, drei Fragen von grundlegender philosophischer Bedeutung zu beantworten: "Was kann ich wissen„", "Was soll ich tun“" und "Was darf ich hoffen?". Die "Kritik der reinen Vernunft", das heißt die kritische Analyse der nur aus sich selbst schöpfenden, sich nichts aus der Erfahrung holenden Vernunft, gilt der ersten Frage.
Das Ergebnis ist eine "kopernikanische Wende" im Denken: Kant widerlegt die natürliche Wahrnehmung, wonach die äußeren Gegenstände an sich gegeben sind und von uns als solche erkannt werden. In Wirklichkeit sei es umgekehrt: Die Erkenntnis richtet sich nicht nach den Gegenständen, sondern die Gegenstände nach der Form unserer Erkenntnis. Die Dinge erscheinen nicht von selbst, sondern ihre Erscheinung wird erst vom erkennenden Subjekt - mit seinen Anschauungsformen Zeit und Raum - produziert. Dieser Grundgedanke hat den "Deutschen Idealismus" (Fichte, Schelling, Hegel) ausgelöst, die größte Epoche der deutschen Philosophie. Ein zentrales Ergebnis der Analyse Kants ist auch, dass die Erkenntnismöglichkeiten des Menschen nicht die Antwort auf die traditionellen Fragen der Metaphysik nach Gott und dem Wesen der Seele einschließen. Kant schreibt sie dem B ereich der "Dinge an sich" zu: Sie sind zwar denkbar, aber nicht erkennbar.
Der Frage nach dem richtigen Handeln gilt die sieben Jahre später veröffentlichte "Kritik der praktischen Vernunft". Als oberste und allgemeinste Handlungsanweisung, als "kategorischen Imperativ", formuliert Kant hier: "Handle so, dass die Maxime (= subjektive Verhaltensregel) deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte."
Die Frage nach dem Hoffen beantwortet er in seiner Religions- und seiner Geschichtsphilosophie. Gott ist entsprechend der "Kritik der reinen Vernunft" nicht ein Gegenstand des Wissens und der objektiven Erkenntnis, sondern des Hoffens - allerdings nicht eines schwärmerischen, sondern eines philosophisch begründeten Hoffens. Kant sagt: Gott ist ein "Pos tu lat" der rein praktischen Vernunft. Das heißt: Seine Existenz ist zwar unbeweisbar, aber die Vernunft nötigt, an Gott zu glauben.
In seinen teils unter dem Eindruck der Französischen Revolution (1789) verfassten philosophischen Texten zur Geschichte und Politik beschreibt er die Hoffnung im Blick auf die äußere Freiheit und das Recht. Wie aktuell etwa seine Schrift "Zum ewigen Frieden" (1795) ist, hat sich in der Diskussion um den Irakkrieg gezeigt: "Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines anderen Staats gewalttätig einmischen", schreibt Kant. Er plädiert bereits für die politische Gewaltenteilung, für das rechtsförmige Zusammenleben der Staaten und für eine weltumspannende Friedensgemeinschaft im Rahmen eines Völkerbundes - Vorstellungen, die erst im 20. Jahr-hundert, zum Beispiel mit Gründung der Vereinten Nationen, auf breiterer Front umgesetzt wurden.
Doch Kants epochale Bedeutung liegt vor allem darin, Perspektiven und Begriffe der Philosophie radikal verändert zu haben. Geistesgeschichtlich ist der größte deutsche Philosoph der europäischen Aufklärung zuzurechnen. Er nahm ihren Wahlspruch auf: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen". Doch ging er darüber hinaus, indem er zu den Schranken der reinen Vernunft vorstieß und das Denken auf eine höhere Stufe der Klarheit und Reflexion stellte.
Kant starb am 12. Februar 1804 in seiner ostpreußischen Heimatstadt Königsberg (heute Kaliningrad) im Alter von 79 Jahren.