Dem Beifall nach zu urteilen bringt der Ex-Landrat des Spree-Neiße-Kreises, Dieter Friese (SPD), auf den Punkt, was die meisten der rund 200 Zuhörer an diesem Abend im Cottbuser "Piccolo"-Theater bewegt. "Warum läuft die deutsche Politik wie ein Vasall hinter Amerika her", fragt er seinen Parteifreund Matthias Platzeck, der seit einem Jahr an der Spitze des Deutsch-Russischen Forums steht. Und Friese legt gleich noch nach und sagt, was er vom russischen Anschluss der Krim an das eigene Reich hält: "Die Krim, das war Notwehr, ich möchte die USA auch nicht vor der eigenen Haustür haben."

Platzeck, der vorher die Annexion der ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel klar als völkerrechtswidrig bezeichnet hat, gibt Friese nur moderat Paroli. Er erinnert erst mal an die 27 Millionen russischen Opfer des Zweiten Weltkrieges, die nur unzureichend im deutschen Bewusstsein verankert wären, ehe er sagt, dass wir Amerika mehr verdankten, als wir manchmal wahrnehmen - auch "wenn sie sich manchmal unmöglich aufführten".

Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung hat zu der Cottbuser Veranstaltung eingeladen. Die ehemalige Ministerin Martina Münch aus Cottbus sitzt als Gesprächspartnerin neben Platzeck auf dem Podium. Ihre Rolle beschränkt sich jedoch darauf, mit kurzen Fragen Stichworte zu liefern. Kritisches Nachhaken, die Konfrontation Platzecks mit Gegenargumenten fehlen.

Der kann dadurch in langen Monologen sein Bild vom deutsch-russischen Verhältnis angesichts des Ukraine-Konfliktes darstellen. Dabei fehlt es bei ihm durchaus nicht an kritischen Worten in Richtung Moskau. Doch oft blieb er unscharf oder argumentierte auch widersprüchlich.

Er teile nicht die in Russland verbreitete Meinung, in der Ukraine gebe es nur Faschisten, sagt Platzeck. Und er bedauere, dass sich die russische Gesellschaft zurzeit zurückentwickele: "Dafür trägt auch Putin Verantwortung." Er hoffe, so Platzeck, "dass sich die Russen wieder einkriegen" und der Krieg in der Ostukraine eingegrenzt und beendet werden könne. Dass dort nur Russen unterwegs seien, die Urlaub machten, glaube auch er nicht.

Doch was das bedeute, dass reguläre russische Soldaten in der Ostukraine offensichtlich an Kämpfen beteiligt sind, was Moskau bestreitet, dazu von Platzeck an diesem Abend kein Wort. Auch nicht dazu, dass nur über die Grenze zu Russland der komplette militärische Nachschub der Separatisten rollt.

Stattdessen wirbt Platzeck um Verständnis für die "traumatische Macke" der Russen, die zwischen sich und der Nato eine Pufferzone wollten. Gleichzeitig stellt er aber auch klar, dass laut Nato-Satzung jedes Land aufgenommen werden müsse, das die Bedingungen dafür erfülle und um Aufnahme bitte.

Und auch Platzeck räumt ein, dass nach dem Zerfall der Sowjetunion kein dadurch unabhängig gewordenes Volk wieder zum russischen Gesellschaftsmodell übergelaufen sei. Die freiheitliche Ordnung des Westens habe offensichtlich für die Menschen mehr Anziehungskraft.

"Russland hat es versäumt, seine Gesellschaft zu öffnen und zu modernisieren", beklagt der Chef des Deutsch-Russischen Forums. Dass Putin gerade ein Gesetz unterzeichnet hat, wonach ausländische und internationale Organisationen für "unerwünscht" erklärt werden können, spielt an diesem Abend jedoch keine Rolle. Ablegern von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International damit in Russland jeder Handlungsspielraum genommen werde.

Platzeck blickt lieber zurück in die Geschichte. Putin sei den meisten Russen wie ein Erlöser erschienen, als das Land in den 90er-Jahren vor dem Zusammenbruch stand. In der derzeitigen Situation wirbt er vor allem um Geduld mit Russland. Und er appelliert daran, nicht immer den einen Maßstab anzulegen: "Wir haben manchmal falsche Vorstellungen davon, wie sich andere Gesellschaften entwickeln."

Als Beispiel nennt er dann den Umgang mit Homosexualität. In Deutschland sei das immerhin bis in die 70er-Jahre auch noch strafbar gewesen. Die Russen brauchten auch da eben noch Zeit. Dabei lässt er aus, dass sich die deutsche Kritik zu dem Thema nicht an der allgemeinen Stimmung in Putins Reich entzündete, sondern daran, dass der Kreml 2013 ein Gesetz erließ, dass jede positive Äußerung zu Homosexualität in der Öffentlichkeit unter Strafe stellte, also jedes Plakat, jede Internetseite, jede Kundgebung.

Zum Schluss kommt Platzeck dann noch auf die Mitschuld der EU am Krieg in der Ostukraine zu sprechen. Als die Verhandlungen über ein Assoziierungsabkommen mit der Ukraine begannen, habe Moskau einen Brief nach Brüssel geschickt und die massiven Probleme aufgezeigt, die Russland damit habe. Das sei damals dort einfach weggewischt worden.

Platzeck warnte auch vor einem politischen Scheitern Putins. Ein Nachfolger würde vermutlich weitaus problematischer und ein Zerfall des Landes mit umfangreichem Arsenal an Atomwaffen brandgefährlich. "Das muss man mal zu Ende denken", warnte Platzeck. Die Krise in Russland sei schon jetzt durch den niedrigen Ölpreis tiefer, als mancher glaube.

Deutschland und Russland, das sei für ihn noch immer ein kongeniales Paar, so Platzeck: "Die haben alles, was wir brauchen und wir haben alles, was die brauchen." Das könnte von Vorteil für beide Seiten sein. Bei den USA würde so ein Gedanke aber sicher nicht nur positive Gefühle auslösen, fügte er hinzu.

Ex-Spree-Neiße-Landrat Dieter Friese und viele andere Zuhörer, die in Deutschland nur einen amerikanischen "Vasallen" sehen, wird es gefreut haben.

Kommentar: Deutsch-russische Verhältnisse

Zum Thema:
Das Deutsch-Russische Forum ist ein eingetragener Verein mit Sitz in Berlin, der sich für einen breiten Dialog zwischen Deutschland und Russland einsetzt und die Beziehungen zwischen beiden Ländern fördern will. Mitglieder und Förderer des Deutsch-Russischen Forums sind Unternehmen und Persönlichkeiten aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Stark vertreten sind große deutsche Unternehmen und der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft. Die Hälfte der rund 300 Mitglieder kommt aus der Wirtschaft. Im Zuge der Ukraine-Krise wurde das Forum wegen einer zu unkritischen Haltung gegenüber Moskau mehrfach kritisiert. Mehrere Mitglieder traten deshalb auch aus.