Stärker hätte der Kontrast kaum ausfallen können: Mit Ovationen und als alte Freundin wird Angela Merkel im Audimax der Universität begrüßt. Mit sehr persönlichen Worten wirbt die Kanzlerin in ihrer Rede vor Studenten für das europäische Projekt und einen gemeinsamen Verfassungsvertrag. Umso frostiger wirkt der Empfang durch Polens Präsidenten Lech Kaczynski im Palast des Staatschefs. Er sei zutiefst überzeugt, dass der Aufenthalt keine verlorene Zeit sein werde, sagt Kaczynski.
An der Universität haben Merkel und ihr Mann Joachim Sauer Freunde aus den 80er-Jahren wiedergetroffen, als sie selber noch DDR-Bürger waren und die Solidarnosc in Polen den Weg zur Befreiung Osteuropas vom Kommunismus bahnte. "Ohne Ihre Freiheitsbewegung, ohne die Solidarnosc wäre auch mein persönlicher Lebensweg anders gelaufen, könnte ich heute nicht als Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland vor Ihnen stehen", sagt Merkel. Im Namen der von Solidarnosc erkämpften Freiheit wirbt sie für die Europäische Union.
Doch Polens Staatschef und sein Zwillingsbruder, Premier Jaroslaw Kaczynski, haben diese Rede nicht mitangehört. Sie lehnen den aktuellen Verfassungsentwurf ab, weil er eine neue, für Polen ungünstigere Stimmengewichtung vorsieht.
Über den Verfassungsprozess und andere Fragen wie den US-Plan zu einem Raketenschutzschild in Europa diskutierten Merkel und der Staatspräsident am Abend in Jurata auf der Halbinsel Hela, mit Blick auf die Gdansker (Danziger) Bucht. Dort konnten sie sogar bis hinüber zur Westerplatte sehen, wo 1939 der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall von Nazi-Deutschland auf Polen begann. Im Wasser liegen noch versenkte U-Boote, am Strand verwehte Bunker.
Merkel hat zuvor in ihrer Rede daran erinnert, dass sechs Millionen Polen im Zweiten Weltkrieg durch Deutsche ihr Leben verloren. Sie weiß, dass die deutschen Besatzer alle polnischen Universitäten schlossen und die polnische Elite gezielt ermordeten. Es werde keine Umdeutung der Geschichte durch Deutschland geben, unterstrich Merkel vor den jungen Leuten im Auditorium. Die Bundesregierung werde die Entschädigungsklagen deutscher Vertriebener durch die Preußische Treuhand vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte nie unterstützen, sagte sie und erntete spontanen Applaus. Doch der kühle Empfang im Warschauer Präsidentenpalast ließ ahnen, dass der Kanzlerin nicht nur diesmal in Warschau noch viel Überzeugungsarbeit bevorsteht.