„Manche baten mich herein, andere fragten erstmal, was das denn koste und woher ich komme“, erzählt die 48-Jährige über ihre ersten Begegnungen im Ort. Die Leute seien wie die Vierseithöfe hier, habe zu ihr mal jemand gesagt. „Manche seien zugänglich, doch viele bräuchten Zeit zum Öffnen.“

Antje Schröcke ist Bergbauseelsorgerin, die wohl Einzige in Deutschland. In der Gemeinde Schleife nahe Weißwasser in der Oberlausitz kümmert sie sich um Einwohner, die wegen der Braunkohle umziehen müssen. Sie berät bei persönlichen Problemen, hilft im Umgang mit Behörden oder regelt für Ältere den Kontakt zum betreuten Wohnen.

Weil der Energiekonzern Vattenfall den nahegelegenen Tagebau Nochten erweitern will, müssen in Schleife und im benachbarten Trebendorf bis Juli 2013 etwa 270 Einwohner umziehen. Die Ersten haben ihre Häuser schon verlassen. „Es gibt inzwischen ein Bewusstsein dafür, dass erzwungene Umsiedlungen psychische Probleme schaffen können“, sagt die Theologin, die zuvor zehn Jahre lang in Leipzig kirchliche Frauenarbeit organisierte. Als sie von der Stelle hörte, war sie sofort interessiert. Als Seelsorgerin, die die Umsiedlung begleitet, könne sie eingreifen, bevor ein Problem sich verfestigt. Um sich als Ansprechpartner zu zeigen, ist die Theologin viel unterwegs – zu Kirchspielen, Vereinstreffen. Auch ein Büro hat sie, mitten in Schleife.

Die besten Gespräche ergeben sich aber, wenn sie durch die Siedlungen radelt: „Ich hab da so eine Feierabendrunde, wo ich oft bei den Leuten am Zaun anhalte und man miteinander redet“, erzählt sie. Das Angebot zum Reden sei für viele ungewohnt und müsse erstmal getestet werden. „Doch ganz langsam öffnet sich etwas“.

Wenn es soweit ist, will die Seelsorgerin den Abschied vom alten Stück Heimat mit einem Auszugsritual erleichtern. „Man geht durch alle Zimmer des Hauses, erinnert sich an das was hier passierte, wer hier geboren wurde oder starb, wird sich also der Geschichte bewusst“, sagt Schröcke. Und sie denkt an ein besonderes Erinnerungsstück, ein Holz aus dem heimischen Wald, das ein ortsansässiger Künstler gestaltet und auf dem Brot und Salz gereicht werden kann – ein sorbischer Willkommensgruß. Antje Schröckes Arbeit als Bergbauseelsorgerin sowie die Büromiete wird vom Energieriesen Vattenfall erstattet – doch angestellt sei sie beim Evangelischen Kirchenkreis Niederschlesische Oberlausitz. „Als ordinierte Pfarrerin gelten für mich das Seelsorgegeheimnis, das Beichtgeheimnis und die Schweigepflicht.“ Vattenfall halte sich eher fern von ihr, betont sie – und das sei auch so gewollt.