Kurz zuvor hatte er zwei Plakate aufgestellt mit der Aufschrift: "Funkspruch an alle . . . Funkspruch an alle. Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen." Das SED-Regime versuchte mit allen Mitteln, das Fanal des Theologen mit verleumderischen Artikeln als die Tat eines unzurechnungsfähigen Geisteskranken hinzustellen. Die Familie des Pfarrers geriet noch mehr ins Visier der Staatssicherheit, wie Zeitdokumente in einer Ausstellung im Zeitzer Schloss belegen.
Drei Jahrzehnte später scheint die Suche nach Antworten um die Motive und die gesellschaftliche Wirkung der Verzweiflungstat des Theologen eher noch am Anfang zu stehen. Mit einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in der Michaeliskirche, einer Kranzniederlegung, Andacht am Grab, Lesung, Ausstellung und einem Film wird in diesem Jahr an Pfarrer Brüsewitz erinnert - und nach Erklärungen gesucht.
Viele Menschen sahen an jenem Sommerferientag 1976 in Zeitz, wie der Theologe in seinem Talar lichterloh in meterhohen Flammen stand. Entsetzt eilten Menschen zu Hilfe, die DDR-Staatsmacht war ebenfalls schnell zur Stelle, allerdings um die Tat zu vertuschen, erinnern sich Zeitzeugen. Vier Tage später, am 22. August 1976, starb Brüsewitz an seinen schweren Verletzungen im Krankenhaus Halle-Dölau.
Der Friedenspreisträger und frühere DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer sagt zur Tat seines evangelischen Glaubensbruders: "Das war ein ungewöhnlicher, zugleich nicht unumstrittener Akt." Dieses Geschehen habe dazu geführt, "dass damals innerhalb der Kirche schärfer über ihre Rolle im diktatorischen System DDR nachgedacht wurde", so der Wittenberger Theologe, der Brüsewitz persönlich kannte.
"Er wollte nicht weiter dulden, dass wir alles mit Diplomatie zukleistern", sagt der Kirchenmann. Das Volk sei damals, 15 Jahre nach dem Bau der Mauer, "eher noch ziemlich stumm, der Staat aber offenbar schon sehr schwach gewesen", sagt Schorlemmer mit Blick auf die Strategie des SED-Regimes, die Selbstverbrennung von Brüsewitz zu verheimlichen und zu verunglimpfen.
In Rippicha, dem idyllischen Ort im südlichsten Zipfel Sachsen-Anhalts, mit schmucken Eigenheimen, umgeben von sattgrünen Wiesen und Feldern, erinnert ein etwa 2,5 Meter hohes Kreuz aus Neonleuchten am Kirchturm an den kämpferischen Pfarrer. Etwas verborgen, unter Bäumen, neben dem schlichten Gotteshaus mit Kletterrosen am Eingang, ist das mit Blumen bepflanzte Grab von Brüsewitz. Er wurde am 30. Mai 1929 im heutigen Litauen geboren und war von 1969 bis zu seinem Tod Pfarrer in Rippicha. Er hinterließ eine Frau und zwei Töchter.
Heute ist in dem Ort Mathias Imbusch der Pfarrer. Er ist auch Pfarrer der evangelischen Zeitzer Michaelisgemeinde mit 1400 Mitgliedern. "Oskar Brüsewitz kannten in Zeitz viele Menschen, er wird als warmherziger Mensch, aber auch als schillernde Persönlichkeit beschrieben", sagt der Theologe, der 1976 erst 16 Jahre alt war. "Man kann sich kein Urteil erlauben, wenn jemand sich selbst das Leben nimmt, da geht so unglaublich viel in einem Menschen vor, da verbietet sich das", sagt Imbusch.
Brüsewitz habe etwas in der Gesellschaft bewirkt. "Ich denke, es war mehr eine politische als eine kirchenkritische Tat", sagt der 46-jährige Theologe. "Er war insgesamt mutiger als andere, er hat nicht seine Person in den Vordergrund gestellt, es ging ihm um die Sache." Wichtig sei heute, "dass Brüsewitz in den Schulen mehr zum Thema gemacht wird, weil dies ein Teil unserer Geschichte, der Kirchengeschichte und der DDR-Geschichte ist. Es wird wirklich Zeit, er darf nicht vergessen werden", sagt Imbusch. Schorlemmer pflichtet dem bei.