Sigmar Gabriel ist mit sich selbst im Reinen. Man hat das Versprochene geliefert in der Großen Koalition, vom Mindestlohn bis zur Rente mit 63. "Tun, was wir sagen, sagen, was wir tun", erläutert der 55-jährige SPD-Vorsitzende und Vizekanzler den Erfolg.

Er glaubt, dass hier ein Schlüssel für den Wiederaufstieg seiner Partei liegt. Wieder Vertrauen aufbauen, das verloren ging, als man in der letzten Großen Koalition plötzlich die Mehrwertsteuer erhöhte und die Rente mit 67 einführte. Der andere: Die SPD ist in einem Maße geschlossen, wie sie es schon lange nicht mehr war. Kaum einer schießt quer, man kann sich aufs Regieren konzentrieren.

Bloß: Die SPD kommt nicht von der Stelle. Im November 2009, als Gabriel in Dresden zum ersten Mal zum Parteivorsitzenden gewählt wurde, zitierte er eine Meinungsumfrage, die der SPD trotz der damaligen Wahlklatsche von 23 Prozent bescheinigte, immer noch ein Potenzial von 37 Prozent zu haben. "Lasst uns daraus ein bisschen mehr machen!", rief er unter Jubel aus, gewohnt großspurig. Bei der nächsten Wahl waren es dann aber wieder nur magere 25,7 Prozent, und das ist bis heute die Zustimmungsrate geblieben.

Trotz aller seriösen Regierungsarbeit. Der SPD droht das Schicksal, ewiger Juniorpartner der Union zu sein, jedenfalls solange dort Angela Merkel oben steht.

Gabriel amtiert am Sonntag länger als irgendein SPD-Vorsitzender seit Willy-Brandt-Zeiten, er löst den bisherigen Rekordhalter Gerhard Schröder ab. Die fünf Jahre und zehn Tage sind eine Leistung, wenn man bedenkt, dass die SPD seit 1987 zwölf Vorsitzende verschlissen hat.

Man kann mit Fug und Recht sagen, dass Gabriel seine Partei beruhigt hat. Er hat sie 2009 emotional aufgefangen, als sie nach dem Wahldesaster ganz tief am Boden lag, und er hat sie 2013 ohne Krach in die Große Koalition geführt, indem er die Basis per Urabstimmung beteiligte.

Das hätte alles auch ganz anders kommen können. Gabriel liebt die Partei, sie ihn. Er kann Partei. Er ist auch ihr natürlicher Kanzlerkandidat für 2017. Wie die SPD aber aus dem Keller der 25 Prozent herauskommt, das weiß der große Vorsitzende, dessen emotionale Parteitagsreden selten unter zwei Stunden dauern, nicht.

Wenn man darauf zu sprechen kommt, verweist er darauf, dass bis zur nächsten Bundestagswahl noch viel Zeit sei. Er hofft, dass die normal arbeitenden und verdienenden Menschen die konfliktfreie Regierungsarbeit anerkennen. Angela Merkels Erfolgsgeheimnis ist, dass sie sich inhaltlich weitgehend heraushält und abwartet.

Gabriel tickt anders: Er positioniert sich oft und polarisiert auch. Der gelernte Lehrer ist ein politisches Alphatier wie Gerhard Schröder. Aber er ist noch wendiger als dieser. Von wegen "tun, was wir sagen, sagen, was wir tun". Oder sind es Häutungen, ist es ein Reifeprozess?

Es gibt mindestens drei politische Gabriels, wenn nicht mehr. Den aufmüpfigen Nachwuchspolitiker, der sich zu Beginn seiner Karriere von Hannover aus munter gegen die eigene Führung profilierte. Er fühlte sich als der einzige Klartextredner der Partei, die Geschlossenheit war ihm da noch egal. Als zum Beispiel der damalige SPD-Finanzminister Hans Eichel 2001 eine schwarze Null im Haushalt für die Jahre 2006 und 2007 anpeilte, erklärte er das zur "Voodoo-Ökonomie". Heute kämpft er genauso für einen ausgeglichenen Haushalt wie die Union.

Dann gab er den besorgten Umweltminister und Klimaschützer, griff das Dienstwagenprivileg an. Und seit vergangenem Jahr ist er ein Wirtschaftsminister und Vizekanzler, der plötzlich auch die Interessen Automobil- und Kohleindustrie schützt, der das große Ganze sehen will.

Gabriel will seine Partei wieder alltagstauglicher machen. Fortschrittliche Politik aus der Mitte des Lebens heraus, nennt er es. Das klingt verdächtig nach Angela Merkels "Mitten im Leben". Es soll eine Politik befreit von Ideologien und allzu kühnen Ideen sein. Neuerdings versucht er der SPD dazu die letzte linke Flause auszutreiben, die Vermögenssteuer. 2009 sagte er bei seiner Antrittsrede noch: "Ich bin bekanntermaßen Vorsitzender des Fanclubs der Vermögensteuer". Auch im letzten Wahlkampf vertrat er das Konzept vehement, sie stand im Wahlprogramm. "Es geht um den Zusammenhalt und das Leben in Deutschland", erklärte er im Bundestag. Heute will er davon nichts mehr wissen.

Kein Wunder, dass sich nun zum ersten Mal erkennbarer Widerstand gegen den Kurswechsel des Vorsitzenden formiert. Die derzeit noch zersplitterte Parteilinke versucht sich neu zu organisieren und findet gerade hier ihr Thema. Es ist vielleicht die eine Drehung zuviel und ein Vorzeichen dafür, dass auch das System Gabriel seine Grenzen hat.

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