Chauffeur Heinz Marcisz bremste scharf ab, der Begleitwagen mit Polizisten fuhr auf das Auto Schleyers auf und schob es gegen den quergestellten Mercedes. Sekunden später ratterten Salven aus Schnellfeuergewehren der RAF durch das Viertel. 30 Jahre später erinnert sich Augenzeuge Heribert Roth an das Attentat: "Es war gespenstisch: Tausende Splitter Glas, Patronenhülsen und Menschen umgeben von Blutlachen."

Vier Tote im Kugelhagel
Die Schleyer-Entführung im Kölner Stadtteil Braunsfeld markierte den Beginn eines dramatischen Kampfes zwischen Linksterroristen und Bundesregierung, der als "Deutscher Herbst" in die Geschichte einging. Der Fahrer Schleyers und drei Begleitpolizisten starben im Kugelhagel, bevor die Terroristen den Arbeitgeberpräsidenten in einen weißen VW-Bus zerren konnten, um ihn später in eine Hochhauswohnung im benachbarten Erftstadt zu bringen. Mindestens 119-mal hatten die als Täter geltenden Willy-Peter Stoll, Sieglinde Hofmann, Peter-Jürgen Boock und Stefan Wiesnewski auf Schleyers Begleiter gefeuert. Dabei zogen Boock und Hofmann ihre beiden halbautomatischen Schnellfeuerwaffen aus einem blauen Kinderwagen hervor.
Der damals elfjährige Kölner Heribert Roth war unmittelbar nach den Schüssen als einer der ersten am Tatort. Er hatte an jenem sonnigen Montag nur 200 Meter von der Vinzenz-Statz-Straße entfernt mit Freunden Fußball gespielt. "Plötzlich hörten wir ein lautes, schrilles, blechernes Geräusch, immer wieder, ohne Pause", erinnert er sich. "Wir ließen den Ball liegen, rannten los und sahen einen VW-Bus über den Bürgersteig auf der anderen Straßenseite davonrasen."
An der Einmündung fielen dem Elfjährigen und seinem Freund Markus die zusammengestoßenen Autos auf. "Neugierig wie wir waren näherten wir uns den Fahrzeugen und sahen einen Mann. Seine Beine lagen noch im Wagen, sein Kopf auf der Straße, überall Blut - sein Gesicht war durchlöchert. Wir dachten nur, hier wird ein Krimi gedreht", erzählt Roth. Ein älterer Mann nahm die verstörten Kinder schließlich an die Hand. "Ich hörte nur, wie er zu einer Passantin sagte: ,Die haben den Schleyer entführt.‘ Als er uns fortschickte, rannte ich sofort nach Hause, erst dann hörte ich von weither Martinshörner."
Den Schüssen von Köln folgten 44 Tage, die die Republik erschütterten. Zunächst das wochenlange Tauziehen zwischen Regierung und RAF um das Leben des später nach Den Haag und Brüssel verschleppten Schleyer, durch dessen Entführung die Terroristen elf inhaftierte Gesinnungsgenossen freipressen wollten. Dann folgte am 13. Oktober 1977 die Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" und die spätere Ermordung von deren Chefpilot Jürgen Schumann; schließlich am 18. Oktober die Befreiung der 86 Passagiere auf dem Flughafen von Somalias Hauptstadt Mogadischu durch die Eliteeinheit GSG 9.

Ende in Stuttgart-Stammheim
Die Blutspur des "Deutschen Herbstes" endete erst im Gefängnis vom Stuttgart-Stammheim, in dessen Hochsicherheitstrakt die RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe noch in der Nacht der "Landshut"-Erstürmung Selbstmord begingen. Tags darauf wurde die Leiche des von der RAF erschossenen Schleyer im Kofferraum eines Autos im französischen Mülhausen gefunden.

Das Gesicht des Toten
Auch drei Jahrzehnte später sind manche Wunden nicht verheilt - bei den Angehörigen der Opfer, den damaligen Geiseln in der "Landshut" und selbst bei ungefährdeten Augenzeugen. Heribert Roth jedenfalls denkt oft an den 5. September 1977, wenn er auf dem Weg zu seiner Wohnung in Köln-Braunsfeld am Tatort Ecke Vizenz-Statz-/Friedrich-Schmidt-Straße vorbeikommt. "Vor allem das Gesicht des Toten geht mir nicht aus dem Kopf."