Henry Nitzsche hält sich nicht mit Begründungen auf. „Hiermit erkläre ich mit sofortiger Wirkung meinen Austritt aus der Christlich Demokratischen Union“ , teilt er dem sächsischen CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer kurz und bündig mit. Der kann schon am selben Tag in der Zeitung lesen, was Nitzsche von ihm hält. Er wirft ihm Doppelmoral vor. Auch den sächsischen CDU-Chef Georg Milbradt attackiert er. Sie hätten ihn unter öffentlichem Druck in die rechte Ecke gestellt, beklagt sich der Bundestagsabgeordnete aus Oßling im Landkreis Kamenz.

„Schuldkult“ -Sprüche
Es geht um das in der NPD-Propaganda gängige Wort vom „Schuldkult“ in Zusammenhang mit der deutschen Vergangenheit und die Bezeichnung der früheren Bundesregierung als „Multikulti-Schwuchteln“ . Beides hatte Nitzsche im Juni bei einer Patriotismusdebatte in der Nähe von Wittichenau geäußert. Weil die Partei nicht wirksam gegen den Abgeordneten vorging, trat der CDU-Stadtchef von Wittichenau, Ludger Altenkamp, vor wenigen Wochen zurück und machte die Sache öffentlich.
„Das ist nur konsequent“ , kommentiert Matthias Grahl den Parteiaustritt Nitzsches. Grahl sitzt im CDU-Kreisvorstand Kamenz-Hoyerswerda, wo der mehrfach wegen rechtslastiger Sprüche aufgefallene Abgeordnete vorigen Donnerstag Rede und Antwort stehen musste. „Der hat sich schon damals nicht von seinen Rechtfertigungen gelöst“ , sagt Grahl. Zu einem Gespräch im Präsidium des sächsischen CDU-Landesvorstandes am vorigen Samstag ging Nitzsche schon nicht mehr hin. Am vorigen Montag meldete er sich in der Bundestagsfraktion krank. In der Nacht zu gestern, während die Nachrichtenagenturen die Meldung über seinen Parteiaustritt verbreiteteten, räumte er bereits sein Büro im CDU-Kreisvorstand in Kamenz aus.
Matthias Grahl glaubt, dass die Erleichterung über Nitzsches Parteiaustritt in der ostsächsischen CDU größer ist als die Probleme, die er hinterlässt: „Es wird bestimmt noch Diskussionen darüber geben, schließlich hat Nitzsche viele Unterstützer.“ Letztlich sei jedoch bestätigt worden, das der Kreisvorstand mit seiner konsequenten Haltung Nitzsche gegenüber genau richtig lag.
Dieser Auffassung ist auch Andrea Fischer, Staatssekretärin in der sächsischen Landesregierung, und wie Grahl Mitglied im CDU-Kreisvorstand Kamenz-Hoyerswerda. Sie setzt auf beginnende Nachdenklichkeit in den Reihen der Unterstützer Nitzsches: „Ich hoffe, dass manchem von ihnen nun vielleicht doch langsam Sorgenfalten auf die Stirn treten.“
In Bernsdorf ist das nicht der Fall. Jürgen Schlese ist dort der örtliche CDU-Chef: „Viele Mitglieder stehen zu Nitzsche, das ist ein aufrechter Christ und Demokrat.“ Der habe nur gewollt, dass der rechte Rand nicht das Thema Patriotismus besetzt, verteidigt er Nitzsche. „Das wird bestimmt noch mal in der Partei diskutiert.“

Keinerlei Einsicht
Sachsens CDU-Generalsekretär hat dazu keine Lust mehr. „Es reicht jetzt“ , sagt Michael Kretschmer. Die Vorwürfe Nitzsches, man habe unter öffentlichem Druck plötzlich die Haltung ihm gegenüber gewechselt, weist er zurück. „Wir haben mit ihm geredet und klar gesagt, dass es so nicht geht. Die Kollegen im Bundestag haben mit ihm geredet. Dann hat er erklärt, er sei missverstanden worden und bedauere es und jetzt verteidigt er wieder alles.“ Nitzsche zeige keinerlei Einsicht. Zusammen mit der öffentlichen Ankündigung seines Parteiaustrittes hat der nun parteilose Bundestagabgeordnete die Bezeichnung der vorigen Bundesregierung als „Multikulti-Schwuchteln“ wiederholt.
Der Fall Nitzsche überlagerte die gestrige Diskussion zum Thema Rechtsextremismus im sächsischen Landtag. In einer hitzigen Debatte warfen Vertreter von Linkspartei, Grünen, SPD und FDP der CDU vor, zu lange mit dem immer wieder durch Nähe zu rechtsextremistischen Parolen auffallenden Parteifreund Geduld gehabt zu haben. FDP-Innenpolitiker Jürgen Martens verlangte von der CDU eine klare Abgrenzung zwischen konservativ und reaktionär: „Wer an der Jauchegrube spielt, muss sich nicht wundern, wenn das Braune hochkommt.“
„Wir brauchen ihre Belehrungen nicht“ , wehrte sich CDU-Fraktionschef Fritz Hähle. Es sei beschämend, dass die Linke die Debatte zur Generalabrechnung mit der CDU statt zur Auseinandersetzung mit der NPD missbraucht habe. Ob Nitzsche nun in die rechtsextremen NPD eintritt, die ihn umwirbt, darüber wollte gestern bei den ostsächsischen Christdemokraten niemand spekulieren. Dazu sei zu wenig bekannt, was gerade in ihm vorgeht. Kreisvorstandsmitglied Matthias Grahl sieht jedoch eine Gemeinsamkeit: „Nitzsche war schon immer ein Populist, der allen das sagt, was Beifall findet. Das passt schon zur NPD.“