Weisshaar, der sich "Promenadologe" nennt, und eine Studentengruppe der Frankfurter Europa-Universität Viadrina wollen bis September in zehn Spaziergängen die Oderstadt erforschen. "Wenn man sich fragt, was Landschaft ist, dann kommt man auf den Spaziergang", erläutert der schmale Mann seine Expeditionen per pedes. Landschaft sei eine Frage der Wahrnehmung - und die lasse sich durch bewusstes Bummeln verändern.
Der gelernte Fotograf und Landschaftsplaner hat bereits in mehreren deutschen Städten Spazierrouten erarbeitet. Teilnehmer werden von ihm zu Forschern ernannt. "Es gibt inzwischen mehrere tausend ausgewiesene Spaziergangsforscher in Deutschland." Mit dafür ausgestellten Ausweisen, die dem Reisepass nachempfunden sind, setzt sich die Gruppe vom Europagarten aus in Bewegung.
Erste Station der ungewöhnlichen Stadtführung ist der letzte Frankfurter Oder-Fischer André Schwartze. "Eher schwierig" seien die Zeiten, berichtet der 28-Jährige, dessen Familie seit 14 Generationen Karpfen, Hechte und Aale aus dem Grenzfluss zieht.
"Stadtarchiv, viele Gespräche, Literatur", fasst die Studentin Eva Schmidt in wenigen Worten zusammen, was den Studenten viel Arbeit bereitet hat. Inzwischen wissen die Neu-Frankfurter mehr über "ihre" Stadt als so mancher Alteingesessene. So haben die Spazier-Experten wahre Quellenforschung betrieben: In einem abgelegenen Hinterhof zeigen sie der erstaunten Gruppe ein sprudelndes Nass. "Ich wusste, dass es hier so einen Brunnen gibt, aber wo der genau ist, habe ich nie erfahren", sagt der 75-jährige Heinz Hechler, der seit 43 Jahren in der Oderstadt lebt.
"Nicht, womit sich eine Stadt präsentiert, sondern was eine Stadt ausmacht," sei das Ziel der Tour, erläutert Schmidt. Und so geht es um die Geschichte Frankfurts als Eisenbahner-, Garten- und Grenzstadt -und damit um mehr Facetten, als sie die neun touristischen Ziele in einer offiziellen Broschüre aufweisen. "Das fand ich erstaunlich", sagt "Promenadologe" Weisshaar, der in Leipzig arbeitet und eigens für das Projekt nach Frankfurt gekommen ist. Seine Gruppe hat andere Denkwürdigkeiten ausgegraben. Vorbei geht es an Deutschlands zweitgrößtem Winterquartier für Fledermäuse, hinein ins ehemalige Ost-Kino, das einst Mittelpunkt eines deutsch-polnischen Jugendsommers mit 150 000 Teilnehmern war; schließlich weiter zum einstigen "Arboretum" - mit 250 verschiedenen Bäumen und Sträuchern ein mehr als 100 Jahre alter Vorläufer des Europagartens. Bis Ende September bieten Weisshaar und seine Studenten drei verschiedene Routen an.
Weisshaar ist nicht der einzige Verfechter des wissenschaftlichen Promenierens. An der Universität Kassel gibt es einen ganzen Forschungsbereich, der sich dieser Disziplin verschrieben hat. "Ein Spaziergang ist eine Perlenschnur, die von einem bemerkenswerten Ort zum nächsten führt", heißt es auf der Homepage.