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| 02:39 Uhr

Eigentumsrückgabe auf dem Prüfstand

Warschau. Die alte Frau rudert mit den Armen durch die Luft, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Der Slalom durch die Warschauer Pfützen verlangt ihre ganze Aufmerksamkeit. Gabriele Lesser / gls1

"Dzien dobry, Pani Basia", begrüßt sie die Kioskbesitzerin. "Der Sommer fängt ja gut an - Regen, Regen, Regen"; beginnt sie das Gespräch. Doch Pani Basia hat keine Lust auf Wetter-Small-Talk. "Die Zeitungen sind heute voll von Reprivatisierungs-Artikeln. Gazeta Wyborcza, Rzeczpospolita, Fakt und Superexpress. Wollen Sie alle?" Die alte Frau nickt: "Ich weiß, gestern hat sich die Reprivatisierungskommission mit der Schule an der Twarda-Straße beschäftigt."

Ein Taxifahrer, der sich auch seine Tageslektüre holen will, deutet auf drei Blätter und drückt Pani Basi schon das abgezählte Geld in die Hand: "Die da oben", sagt er, "das sind doch alles Banditen, egal ob Kommunisten oder Kapitalisten. Die betrügen uns kleine Leute doch immer!" Auf einer Titelseite prangt groß das Bild der Twarda-Schule. "Das ist wieder so ein Beispiel. Wieso untersucht die Kommission als erstes, ob bei der Schule alles mit rechten Dingen zugegangen ist? Da haben sie doch die Reprivatisierung im letzten Moment abgeblasen. Hier in der Narbutt-Straße aber sollen die Leute aus ihren Wohnungen geschmissen werden!"

Von der Kreuzung ist die laute Stimme von Pan Andrzej zu hören: "Sitz!" Der Hunde-Trainer ist mit zwei Labradoren unterwegs. Auch er kommt jeden Morgen zum Kiosk. "Wissen Sie, ob der alte Herr Kotowski mit seiner Klage Erfolg hatte?" Die Kunden schütteln den Kopf, nur Pani Basia weiß ein bisschen mehr: "Das Verfahren läuft inzwischen. Er hat wohl ganz gute Karten. Der Richter wird ja wohl einen kranken Rentner im Rollstuhl nicht auf die Straße setzen!"

Seit das Fernsehen über die Skandale bei der Reprivatisierung von rund 2000 Hauptstadt-Immobilien berichtet, ist der frühere Staatsanwalt und Verkehrsexperte Kotowski ein lokaler Held im Warschauer Stadtteil Mokotow.

Das Mietshaus mit den großbürgerlichen Wohnungen gehörte vor dem Krieg Warschauer Juden. Da die Innenstadt zu rund 70 Prozent zerstört war, wurde mit dem sogenannte Bierut-Dekret 1945 der gesamte Privat-Grundbesitz in den damaligen Stadtgrenzen Warschaus verstaatlicht. Dies sollte den Wiederaufbau erleichtern. Die Stadtverwaltung konnte dann obdachlosen Warschauern Zimmer oder Wohnungen in nicht zerstörten Häusern zuteilen. Das große Eckhaus an der Asfaltowa-Straße erhielt die Politechnika für ihre Professoren. Auch nach der politischen Wende 1989 blieben die Mieten niedrig. Viele kauften ihre Wohnungen, doch Kotowski, der in der Asfaltowa geboren wurde, brauchte das Geld für Medikamente. Jetzt - nach der Rückgabe des Hauses an die Erben und dem Verkauf an einen Anwalt - soll er plötzlich das Vierfache der bisherigen Miete zahlen oder ausziehen.

"Hoffentlich gewinnt er die Klage", sagt der Hundetrainer. "Wir halten alle die Daumen." Dann deutet er auf das Haus hinter dem Kiosk: "Es hieß doch, dass die Kommission sich als Erstes mit der Narbutt-Straße 60 befasst. Schreiben die Zeitungen dazu etwas?" Pani Basia schüttelt den Kopf, streicht eine Strähne ihres weißen Haares aus dem Gesicht und wendet sich an den Taxifahrer: "Wissen Sie, was der aktuelle Stand ist?" Der gut 40-Jährige ballt die Faust und quetscht erneut ein zorniges "Banditen!" zwischen den Zähnen hervor. "Den angeblichen Verkauf des Grundstücks hat nach dem Krieg ein Notar beglaubigt, der gar kein Notar war. Damit ist das Dokument ungültig!" Außerdem hätten Käufer und Verkäufer sich damals mit Kennkarten ausgewiesen, also mit Papieren der Nazi-Besatzung, nicht aber mit ihren Papieren aus der Vorkriegszeit. Die Mieter, die gegen die Rückgabe klagten, scheiterten aber an der Staatsanwaltschaft, die das Verfahren erst gar nicht eröffnete. "Das stinkt doch alles zum Himmel!"

Die alte Frau fragt verunsichert in die Runde: "Das sollte doch ein Volkstribunal werden! Ich habe aber gestern im Fernsehen nur Politiker gesehen. Wo sind denn die ganzen Bewohner der zurückgegebenen Häuser, die für Gerechtigkeit sorgen sollten?" Pani Basia räumt Fahrkarten in die Schublade und sagt: "Das war wohl nur so ein Trick. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kommission, die die Reprivatisierungen überprüfen soll, am Ende tatsächlich die Mieter entscheiden lässt. Dann würde es ja gar keine Eigentumsrückgabe mehr geben." Der Taxifahrer läuft wieder rot an vor Aufregung. "Und genau so sollte es auch sein! Wozu durch die Rückgabe neues Unrecht schaffen?"