Große Risse ziehen sich durch die zehn Meter hohe fleckige Stahlbetonkonstruktion, an der die Bronzetafeln hängen. Im Fundament fehlen ganze Platten. Dem 1976 zu Ehren von Wilhelm Pieck in seiner Heimatstadt Guben errichteten Monument ist der dringende Sanierungsbedarf mehr als deutlich anzusehen.

Geht es nach der Ortsgruppe der Linken in Guben, dann wird das Mahnmal möglichst bald instand gesetzt. Die durch Fachleute veranschlagten Kosten liegen bei mehr als 100 000 Euro. Das entspricht der Summe der freiwilligen Leistungen der Stadt, die als Zuschüsse im Bereich Sport und Kultur in einem Jahr ausgezahlt werden.

Jedes Jahr am 3. Januar, dem Geburtstag des ersten und einzigen DDR-Präsidenten, legen Gubener Linke am maroden Mahnmal Blumen nieder. Pieck ist für sie noch immer ein "ehrenwertes Vorbild". Doch auf die Frage, wofür man Pieck eigentlich ehrt, fällt auch Gerhard Lehmann, stellvertretendem Fraktionschef der Linken in Guben, wenig ein: "Der war gegen Krieg und Ausbeutung."

Nützliche Fassade für Ulbricht

Ob es an Pieck auch Kritikwürdiges gab? Lehmann zuckt die Schultern: "Das kann ich nicht beurteilen." 100 000 Euro für die Monument-Instandsetzung scheinen ihm zu hoch angesetzt. "Aber 50 000 bis 80 000 Euro sollte der ehemalige DDR-Präsident seiner Heimatstadt schon wert sein".

Professor Klaus Schröder, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, blickt ganz anders auf Wilhelm Pieck. "Der wirkte durch seine großväterliche Art so freundlich, er war aber genau so ein Stalinist wie Walter Ulbricht." Pieck habe die DDR-Diktatur mit begründet und getragen und für Leute wie Ulbricht eine nützliche Fassade geliefert. "Warum muss man einen solchen Menschen heute noch ehren", fragt Schröder.

In Guben hat sich die Kommunalpolitik diese Frage bisher nicht gestellt. Dabei hätte es schon vor Jahren dafür Anlass und Gelegenheit gegeben. 2004 hatte der inzwischen beurlaubte Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner (FDP) vorgeschlagen, die Relieftafeln des Mahnmals an einem anderen Ort zu erhalten, das Monument selbst aber abzutragen. Hübner hatte sogar schon an die untere Denkmalbehörde einen entsprechenden Antrag gestellt, der jedoch abgewiesen worden war. Anfang der 90er-Jahre war das Pieck-Monument als Einzeldenkmal regis triert worden.

"Grüner Pfad" zum Monument

Die Abgeordneten der Linken protestierten damals heftig, Hübners Vorstoß verpuffte. Vor zwei Jahren setzte sich die Linke im Stadtrat auch erfolgreich dafür ein, dass der "Grüne Pfad", ein ausgeschilderter Weg zu örtlichen Sehenswürdigkeiten, auch am Pieck-Monument vorbei führt.

Die dort angebrachte Tafel des "Grünen Pfades" gibt jedoch nur spärliche Informationen über Pieck: Geburtsort Guben, Vorsitzender der Kommunistischen Partei, im Moskauer Exil von 1934 bis 1945. Seit 1946 Ehrenbürger der Stadt, die von 1961 bis 1991 "Wilhelm-Pieck-Stadt Guben" hieß. Kein Wort zu seiner Mitverantwortung für die Errichtung der SED-Diktatur oder seiner Rolle bei der Zwangsvereinigung von SPD und KPD.

Im September vorigen Jahres hatte die Gubener Stadtverwaltung eine Beschlussvorlage zur Sanierung des Pieck-Monuments für 110 000 Euro vorgelegt. Durch den Denkmalschutz sehe sich die Stadt in der Pflicht der Erhaltung, begründet der amtierende Bürgermeister Fred Mahro (CDU) diesen Schritt.

Zwei Ausschüsse stimmten dafür, zwei dagegen. Zur Entscheidung durch die Stadtverordneten kam es jedoch vorerst nicht, weil Mahro die Beschlussvorlage zurückzog. Aus finanziellen Gründen, wie er erklärt. Die Stadt habe Ende vorigen Jahres nur noch Geld für Pflichtaufgaben gehabt. Außerdem sollte geprüft werden, ob eine Sanierung nicht doch preiswerter möglich sei.

Problem Denkmalschutz

Das hätten Fachleute inzwischen verneint, so Mahro. "Im ersten Quartal werde ich die Vorlage wieder einbringen", kündigt er an. Eine politische Bewertung Piecks sei nicht Sache der Verwaltung, so Mahro: "Die Stadtverordneten sollen den Willen der Bevölkerung abbilden." Doch Mahro vermutet, dass es nicht einfach werden könnte, das Monument eventuell von der Denkmalschutz-Liste entfernen zu lassen.

"Vielen Gubenern ist ziemlich schnurz, was aus dem Monument wird", vermutet Günther Krause, FDP-Fraktionschef im Stadtrat. Es gebe wichtigere Leute in Guben. An Pieck sollte schon erinnert werden, sagt er, vielleicht mit einem Gedenkstein oder einer Büste, aber nicht mit so einem Mahnmal.

Gubens CDU-Fraktionschef Klaus-Dieter Fuhrmann will jetzt eine inhaltliche Diskussion im Stadtrat zum Umgang mit dem Pieck-Gedenken anstoßen. Das vorhandene Monument entspreche dem DDR-Bild von Pieck. Während dessen Amtszeit sei jedoch viel passiert: Der Stalinismus in der DDR, der niedergeschlagene Aufstand am 17. Juni 1953, die harte Verfolgung Andersdenkender und politische Schauprozesse.

In Guben werde Pieck jedoch bisher nicht in Verbindung mit dem DDR-Regime wahrgenommen. "Bevor jetzt Geld für das Monument in die Hand genommen wird, muss klar sein, was dieses Denkmal reflektieren soll", sagt Fuhrmann.

Unterstützung kann er dabei von SPD-Fraktionschef Günter Quiel erwarten. Der räumt unumwunden ein: "Vor einer umfassenden historischen Bewertung Piecks drücken sich bisher alle." Quiel will sich bei der nun vermutlich in Gang kommenden Ausein andersetzung um den bekannten Gubener nicht nur auf örtliche Heimatforscher stützen. "Wir sollten dazu vielleicht Historiker einladen."

Eine zu DDR-Zeiten an der inzwischen verfallenden ehemaligen Wilhelm-Pieck-Schule eingerichtete Gedenkstätte wird keinen Beitrag mehr zu der Debatte leisten. Sie wurde schon in den 90er-Jahren aufgelöst. Exponate daraus, die an das Stadtmuseum abgegeben wurden, passten in einen kleinen Pappkarton. Die Bronzebüste Piecks vor der Schule wurde im Sommer vorigen Jahres gestohlen.

Zum Thema:
Wilhelm Pieck ist bis heute nicht nur in Guben, sondern auch in Hoyerswerda Ehrenbürger. Die Ehre war ihm 1946 zuteilgeworden, als er sich in der Stadt für zwei Waggon Kohle bedankte, die ihm die Kumpel aus Knappenrode (damals Werminghoff) für Berliner Kinderheime "geschenkt" hatten. 2006 gab es dazu in Hoyerswerda eine Debatte. Pieck blieb auf der Ehrenbürgerliste.