Während seine beiden 25- und 26-jährigen Brüder jede Tatbeteiligung bestritten hatten, gestand Ayhan bereits zu Prozessanfang vor sieben Monaten, im Februar 2005 die tödlichen Schüsse auf seine 23-jährige Schwester abgegeben zu haben. Der zum Teil noch sehr "unreife" Ayhan habe seine Schwester ermordet, weil er deren westlichen Lebensstil missbilligte und die Ehre der Familie beschmutzt sah, sagte der Vorsitzende Richter Michael Degreif in seiner über zweistündigen Urteilsbegründung. Der befürchtete Verlust des eigenen Ansehens habe diese "extreme Reaktion" möglich gemacht.

Dabei habe er die Tat lange "auch innerlich" vorbereitet und sei dann "eiskalt" vorgegangen. Die Art des Mordes trage eindeutig "Hinrichtungscharakter", die Schwere der Schuld stehe außer Frage. Aufgabe des Gerichts sei es aber nicht gewesen, eine "plakative Strafe" zu verhängen und an Ayhan ein Exempel zu statuieren.

Den Freispruch für die beiden Brüder Mutlu und Alpaslan, denen die Staatsanwaltschaft eine Tatbeteiligung unterstellt und für sie daher eine lebenslange Haftstrafe gefordert hatte, begründete das Gericht mit unzureichenden Beweisen. Die Hauptbelastungszeugin Melek A. sei in diesem Fall nur eine "Zeugin vom Hörensagen", die praktisch keinen direkten Kontakt zu den beiden Angeklagten hatte. Alles, was sie über sie berichtete, hatte sie nur von Dritten erfahren. Deshalb mussten ihre Aussagen von der Kammer als nicht zuverlässig eingeschätzt werden. Die ehemalige Freundin von Ayhan befindet sich gemeinsam mit ihrer Mutter seit Monaten in einem Zeugenschutzprogramm.

Bei bestimmten Aussagen habe sich die 18-Jährige häufig in Widersprüche verwickelt oder konnte einen zeitlichen Kontext nicht herstellen. Auch sei bei beiden Brüdern kein eindeutiges Tatmotiv feststellbar gewesen, auch wenn unter anderem gegenüber Alpaslan immer wieder der Vorwurf des früheren sexuellen Missbrauchs seiner Schwester laut wurde. Was bleibe, ist das "Bild einer Möglichkeit" der Tatbeteiligung der Brüder, sagte der Kammervorsitzende abschließend. Aber "wegen einer Möglichkeit" werde im deutschen Rechtswesen niemand verurteilt.

Die Ermordung von Hatun Sürücü hatte bundesweit für Aufsehen und politische Diskussionen gesorgt. Die junge Frau war 1998 in der Türkei mit einem Cousin verheiratet worden. Nach der Geburt ihres Kindes in Berlin weigerte sie sich, nach Ostanatolien zurückzukehren. Ein halbes Jahr später zog sie aus der elterlichen Wohnung aus und begann eine Lehre als Elektrotechnikerin. Am Abend des 7. Februar 2005 wurde sie an einer Bushaltestelle im Berliner Stadtteil Tempelhof mit drei Schüssen in den Kopf getötet.

Nach dem Urteil im so genannten Ehrenmord-Prozess hat die Berliner CDU die Anwendung des Erwachsenenstrafrechts von 18 Jahren an gefordert. "Das Jugendstrafrecht mit seiner Auslegung bis zum 25. Lebensjahr ist nicht mehr zeitgemäß", erklärte jetzt der CDU-Fraktionsvorsitzende Nicolas Zimmer. Das Berliner Landgericht hatte den Bruder der ermordeten Deutsch-Türkin Hatun Sürücü, der bei der Tat 18 Jahre alt war, zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten verurteilt.

Zimmer betonte, die Kriminalitätsrate gerade bei jungen Menschen sei in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Die Gesellschaft müsse vor Kriminellen geschützt werden. "Dazu gehören auch harte Strafen für Gewaltverbrechen von Vergewaltigung bis Mord."