Von Benjamin Lassiwe

Es ist ein kleines Stück Plastik im Scheckkartenformat: Die gemeinsame Ehrenamtskarte der Länder Berlin und Brandenburg. Wer sich in seiner Freizeit mehr als 200 Stunden pro Jahr freiwillig engagiert, sei es als Helfer bei einer Tafel, als Betreuer in einem Kinder- und Jugendprojekt, oder als Mitglied eines Angelvereins, kann diese Karte in der Staatskanzlei beantragen.

Mehr als 2500 gültige Ehrenamtskarten sind nach Angaben von Regierungssprecher Florian Engels derzeit im Umlauf. Als kleines Dankeschön für Zeit und Kraftaufwand öffnen sich damit überall im Land Tore und Türen für die Ehrenamtlichen. 220 „Partner des Ehrenamtes“, nämlich Unternehmen, Freizeit- und Kultureinrichtungen gewähren den Engagierten teils erhebliche Rabatte. Und das nicht nur in Brandenburg, sondern auch in Berlin, wo die Karte ebenfalls anerkannt wird. Soweit die Theorie.

In der Praxis freilich sieht es anders aus: Zwar gibt es in Berlin tatsächlich 25 Prozent Rabatt auf Heimspiele von Hertha BSC oder Ermäßigungen beim Eintritt in den Zoo Berlin, beim Wintergarten Varietee und zahlreichen Theatern. Und in Brandenburg bieten immerhin 140 Partner des Ehrenamtes ihre Dienste an. Doch seit der damalige Ministerpräsident Matthias Platzeck 2012 die Ehrenamtskarte erstmals vorstellte, hat sie weiße Flecken. Die RUNDSCHAU berichtete schon damals darüber. Guckt man auf die auf der Homepage der Landesregierung veröffentlichte, letztmalig im März aktualisierte Übersicht der Partner, ist der Befund klar: Desto weiter man sich vom Berliner Speckgürtel entfernt, desto spärlicher werden die Rabatte und Vergünstigungen.

Ein Beispiel ist die Stadt Cottbus: Hier sind lediglich vier Partner dabei. In der Bio-Bäckerei Schmidt erhalten Engagierte ihre Backwaren um zehn Prozent ermäßigt, im Tierpark gibt es 20 Prozent Rabatt auf eine Tageskarte. Wer an einem Kurs des Frauenzentrums teilnehmen will, erhält darauf 15 Prozent Ermäßigung, und ein oder zwei Mal im Jahr kann man an einer Besichtigung eines Tagebaus teilnehmen, zu der die Leag einlädt. Das ist dann aber auch alles. Was Hertha BSC kann, kann Energie Cottbus scheinbar nicht: Der Fußballverein fehlt in der Liste ebenso wie die Jahr für Jahr mit teils erheblichen Beträgen vom Land Brandenburg geförderten Kultureinrichtungen der Lausitzmetropole.

In ländlicheren Regionen ist der Befund noch deutlicher: In der Prignitz beispielsweise gibt es weiterhin kein einziges Angebot für Ehrenamtliche, genauso ist es in der kreisfreien Stadt Frankfurt an der Oder. „Das wollen wir aber gern ändern“, sagt Regierungssprecher Florian Engels auf RUNDSCHAU-Nachfrage. Im Landkreis Elbe-Elster hat sich die Zahl der Angebote seit dem letzten RUNDSCHAU-Bericht im Jahr 2017 immerhin von zwei auf drei erhöht: Ehrenamtliche erhalten 12,5 Prozent Rabatt auf die große Führung im Besucherbergwerk F60, zehn Prozent Rabatt in der Konditorei Beeg in Bad Liebenwerda und können nach dem Tortengenuß für zwei Stunden ein Fahrrad in der örtlichen Touristinformation ausleihen. Doch wer als Übernachtungsgast einen Kurbeitrag bezahlt, kann sich mit der örtlichen Kurkarte über erheblich mehr Rabatte freuen. In der Uckermark gibt es immerhin fünf Rabatte, darunter eine Freifahrt mit dem Kremser durch die Schorfheide oder eine Vergünstigung vom 20 Prozent auf Vorstellungen der Uckermärkischen Bühnen in Schwedt.

Auf RUNDSCHAU-Nachfrage begrüßt der SPD-Experte für die ländlichen Räume, der Großräschener Landtagsabgeordnete Wolfgang Roick (SPD), die Ehrenamtskarte. „Ich finde, dass das grundsätzlich eine vernünftige Sache ist“, sagt der Fachpolitiker. „Wir brauchen aber mehr Partner, es müssen mehr Einrichtungen animiert werden, sich einzubringen.“ Deutliche Worte findet Oppositionsführer Ingo Senftleben: „In der Regierung von Dietmar Woidke spielen die ländlichen Regionen keine echte Rolle“, sagt der designierte Spitzenkandidat der CDU. „Ehrenamtlicher Einsatz muss selbstverständlich überall gleich respektiert und belohnt werden“, sagt Senftleben. „Dietmar Woidke macht mit seiner Politik gegen die ländlichen Regionen aus dem Ehrenamt eine Zweiklassengesellschaft.“

Regierungssprecher Florian Engels indes kündigte gegenüber der RUNDSCHAU am Montag deutliche Veränderungen bei der Ehrenamtskarte an. „Um die Attraktivität der Karte im Flächenland Brandenburg zu erhöhen, werden künftig in den Kommunalverwaltungen der Landkreise und kreisfreien Städte „Engagementsstützpunkte“ eingerichtet“, sagt Engels. Sie sollen sich unter anderem um die lokale Öffentlichkeitsarbeit zur Ehrenamtskarte und das Einwerben von Partnern vor Ort kümmern. „Dadurch wird es mehr Angebote geben, die im Alltag in Anspruch genommen werden können“, sagt Engels. „Überdies werden die Engagementstützpunkte zur Ehrenamtskarte beraten und die Anträge entgegennehmen.“ Denn auch die rot-rote Landesregierung habe ein Interesse daran, dass die Ehrenamtskarte attraktiver wird.