Genau zur Eröffnung der neuen Spielzeit am Heilbronner Theater berichtete gestern die "Stuttgarter Zeitung", dass Schauspieldirektor Alejandro Quintana in der DDR von 1978 bis 1982 für den Staatssicherheitsdienst gespitzelt habe. Gestern Nachmittag bestätigte die Birthlerbehörde den Bericht gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa). Aus den Akten gehe zweifelsfrei hervor, dass es eine wissentliche und willentliche Zusammenarbeit gab, so ein Behördensprecher.

Der in Chile geborene Quintana, der viele Jahre am Cottbuser Staatstheater arbeitete, hatte das gegenüber der Zeitung bestritten. Er habe zwar mal einen Besuch von "zwei sympathischen Herren" von einem Ministerium gehabt, doch habe er jegliche Zusammenarbeit mit wem auch immer abgelehnt.

Alejandro Quintana war gestern nicht zu erreichen. Er war als Regisseur mit der Generalprobe für "Nathan der Weise" beschäftigt, das Stück mit dem das Heilbronner Theater heute die neue Spielzeit eröffnet. Über das Theater ließ Quintana jedoch eine kurze persönliche Erklärung verbreiten. Danach will er nun Akteneinsicht bei der Birthler-Behörde beantragen, "um zu den erhobenen Vorwürfen konkret Stellung nehmen zu können und diese zu entkräften".

1973 war der damals 22-jährige Chilene wie viele andere Landsleute nach dem blutigen Putsch gegen Salvador Allende auf der Flucht vor dem Pinochet-Regime und schließlich in die DDR gekommen. In Rostock sei er, so die "Stuttgarter Zeitung", fünf Jahre später von der Staatssicherheit als Zuträger angeworben worden. Eine 140 Seiten starke Akte über Quintana alias IM "Juan" liegt der Zeitung nach eigenen Angaben vor.

Das Interesse der Stasi richtete sich danach auf die Exilchilenen in der Hafenstadt, darunter die Mitglieder einer Theatergruppe, zu der Quintana gehörte. Über sie soll er als IM "Juan" zunächst ausführlich berichtet haben, über ihr Privatleben, Charakterzüge, politische Einstellungen, Liebschaften, auch über Selbstmorde unter den Exilanten.

Doch die Zusammenarbeit währte offenbar nicht lange. Nach vier Jahren, so der Zeitungsbericht, hatte sich IM "Juan" mit immer häufigeren Ausreden und Ausbleiben zu vereinbarten Treffen dem DDR-Geheimdienst wieder entzogen.

Alejandro Quintana absolvierte danach eine außerordentlich erfolgreiche künstlerische Laufbahn, die ihn auch nach Cottbus führte. 1993 war er dem früheren Cottbuser Intendanten Christoph Schroth gefolgt und vom Berliner Ensemble nach Cottbus gekommen und bis 1998 geblieben. Mit ungewöhnlichen Inszenierungen machte er auf sich aufmerksam. Von 2000 bis 2003 war er Oberspielleiter am Cottbuser Staatstheater.

Christoph Schroth zeigte sich gestern von den Vorwürfen gegen Quintana, den er fachlich sehr schätzt, völlig überrascht. "Er hat in Cottbus eine sehr gute Arbeit geleistet, die Schauspieler haben gern mit ihm gearbeitet, er war sehr beliebt." Nach seiner Zeit in Cottbus inszenierte der Chilene an verschiedenen Theatern, darunter Bühnen in Eisenach, Chemnitz und Berlin. Er führte Filmregie für das DDR-Fernsehen und das ZDF und erwarb sich einen Ruf als renommierter Künstler. Aus Rudolstadt in Thüringen folgte Quintana kürzlich dem Intendanten Axel Vornam an das Heilbronner Theater. Beide kennen sich aus der gemeinsamen Studienzeit in Berlin.

Die Stadt Heilbronn und der Intendant stellten sich zunächst hinter ihren belasteten Schauspieldirektor. In einer dienstlichen Stellungnahme hatte Quintana gestern auch gegenüber der Stadt und der Theaterleitung die Spitzel-Vorwürfe zurückgewiesen. Bis diese geklärt seien, wolle man an dem Theater-Regisseur festhalten, so ein Sprecher der Stadt. Eine Suspendierung wäre eine Vorverurteilung und entspreche nicht der jetzigen Faktenlage. Man nehme die Sache jedoch sehr ernst und wolle "die Problematik sorgfältig und konsequent aufarbeiten", heißt es in einer offiziellen Stellungnahme der Stadt.

Durch die Novellierung des Stasiunterlagengesetzes vor zwei Jahren sind die Möglichkeiten dafür jedoch begrenzt. Danach kann ein Dienstherr auch bei begründetem Anlass keine Einsicht mehr in Akten von Mitarbeitern bekommen.