ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:31 Uhr

Ehemaligem Lausitzer Rechtsanwalt droht Gefängnis

Cottbus. „Ich hoffe, dass ich die Chance für einen Neuanfang bekomme“, sagt Jörg F., als er vom Vorsitzenden Richter der Zweiten Großen Strafkammer des Landgerichtes Cottbus das letzte Wort erteilt bekommt. Von Simone Wendler

Die Chance, das wäre eine Bewährungsstrafe, wie sie sein Verteidiger René Lau gefordert hat. Doch der Prozess gegen den Ex-Anwalt aus dem Spree-Neiße-Kreis könnte nach neun Monaten Verhandlung auch mit einem Gefängnisaufenthalt für ihn zu Ende gehen. Dreieinhalb Jahre Haft hat die Staatsanwaltschaft nach mehrstündigem Plädoyer gefordert. Dazu vier Jahre Berufsverbot und Führerscheinsperre.

Der Prozess gegen Jörg F. begann im Oktober 2009 mit 56 einzelnen Tatvorwürfen. Es ging um zahlreiche Vermögensdelikte wie Betrug, Untreue, aber auch einen schweren Unfall. Für etwa die Hälfte der Anklagevorwürfe wurde das Verfahren im Laufe der Hauptverhandlung jedoch eingestellt.

Einig waren sich Anklage und Verteidigung am Prozessende nur über einen Tatvorwurf, den Jörg F. auch eingeräumt hatte. Bei Starkregen hatte er vor einem Jahr nachts mit 1,57 Promille Alkohol im Blut ein Auto überholt und war mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammengestoßen. Am Steuer saß eine junge Frau, die schwerste Verletzungen davon trug, heute noch an Stöcken geht und nicht weiß, ob sie jemals wieder ganz gesund wird .

Ganz anders beurteilten Staatsanwalt und Verteidiger dagegen die zahlreichen Vermögensdelikte, die am Ende des Verfahrens noch im Raum standen. Für Oberstaatsanwalt Gernot Bantleon war erwiesen, dass sich F. mehrfach der Untreue, falscher eidesstattlicher Versicherungen und anderer Delikte schuldig gemacht hat. Oft ging es dabei um Mandanten, denen der Ex-Anwalt Geld vorenthalten habe, das ihnen zustand.

Statt zu überweisen, habe F. ungerechtfertigte Gebühren für seine Arbeit in Rechnung gestellt, um diese dann mit dem Mandantengeld zu “verrechnen„. Manchmal ging es nur um ein paar Hundert Euro, manchmal um Tausende. Für erwiesen hält die Staatsanwaltschaft auch, dass der angeklagte Jurist aus einer Firma, in der er Gesellschafter und kurz auch Geschäftsführer war, Geld herausgezogen und die Insolvenz der GmbH verschleppt hat.

“Über Jahre hinweg hat er das besondere Vertrauensverhältnis zu seinen Mandanten missbraucht„, begründete Bantleon, warum er neben der Haftstrafe auch ein Berufsverbot für den 42-jährigen Ex-Anwalt für notwendig hält.

Verteidiger René Lau bezeichnete die Strafforderung der Anklagevertreter dagegen als “exorbitant und fern jeder Realität„. Der Staatsanwaltschaft wirft er Verfolgungseifer vor und einen “sportlichen Ehrgeiz„, seinen Mandanten “zur Strecke zu bringen„. Der habe Fehler gemacht, die er auch eingeräumt habe, aber er sei nicht “der böseste Bube der Stadt, der für mehrere Jahre weggesperrt gehört„.

Vielmehr sei F. vor einigen Jahren als junger Berufsanfänger von seinen damaligen Kanzleikollegen auch sehr “alleine gelassen„ worden. Er sei nicht vorbestraft und habe seine Zulassung als Anwalt schon im vorigen Jahr freiwillig zurückgegeben. Ein halbes Dutzend Droh-Nachrichten auf das Handy eines Geschäftspartners habe F. im volltrunkenen Zustand geschrieben, also im Zustand der Schuldunfähigkeit.

Der angeklagte Jurist lebt inzwischen von Alg II und einer geringfügigen Beschäftigung für 420 Euro monatlich. Er hat die eidesstattliche Versicherung über seine Vermögenslosigkeit abgegeben. Im Juni wurde sein Privatinsolvenzverfahren eröffnet. Am Donnerstag wird das Landgericht Cottbus das Urteil gegen Jörg F. verkünden.