Ehemalige DDR-Heimkinder müssen sich im Land Brandenburg auf lange Wartezeiten einstellen: Die im vergangenen Jahr gegründete Anlauf- und Beratungsstelle, die Betroffene bei der Beantragung von Hilfen aus dem vom Bund und den ostdeutschen Ländern getragenen Fonds "Heimerziehung in der DDR in den Jahren 1949 bis 1990" unterstützen soll, ist völlig überlastet. Obwohl die Zahl der dort beschäftigten Mitarbeiter im Frühjahr von zwei auf drei erhöht wurde, sind neue Beratungstermine derzeit erst im Dezember 2014 erhältlich.

Schuld daran ist ein so offenbar nicht erwarteter Andrang: Wie Bildungsministerin Martina Münch (SPD) am Donnerstag in Potsdam erklärte, seien aus dem mit 40 Millionen Euro ausgestatteten Fördertopf allein im ersten Quartal 2013 bundesweit gut 3,2 Millionen Euro abgerufen worden. Dies seien 650 000 Euro mehr gewesen, als man ursprünglich erwartetet hatte.

"Nach der Bundestagswahl werden wir mit dem Bund und den Ländern über eine Aufstockung des Fonds reden müssen", so Münch. Die 1,5 Jahre Wartezeit auf einen Termin in der Beratungsstelle, die bei der Landesbeauftragten für die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft, Ulrike Poppe, angesiedelt ist, bezeichnete Münch als "nicht zumutbar". Doch der Hilfsfonds selbst setzt der Beratungsarbeit Grenzen: Denn maximal zehn Prozent der 40 Millionen Euro dürfen für die Finanzierung, und damit auch die Personalausstattung der Beratungsstellen, verwandt werden.

Insgesamt wurden seit dem Start der Einrichtung in Brandenburg rund 1300 Beratungsgespräche geführt, 1126 Betroffene werden in der Einrichtung betreut. In rund 450 Fällen konnten bereits Hilfevereinbarungen geschlossen und Unterstützungen geleistet werden. "Die Betroffenen müssen glaubhaft darlegen, dass durch ihre Zeit im Heim Beeinträchtigungen entstanden sind", sagt Martin Gollmer, der einer der drei Berater der Einrichtung ist.

"Den Menschen fällt es oft nicht leicht, sich an eine Behörde zu wenden, dann kommen Erinnerungen hoch." In der Beratungsstelle erhalten ehemalige Heimkinder Hilfe bei der Akteneinsicht und der Klärung biografischer Details. "Nicht jeder weiß, warum er einst ins Heim gekommen ist", sagt Goller. Und es gibt Unterstützung bei der Beantragung von materiellen Hilfen aus dem Fonds oder der Nachzahlung von Rentenbeiträgen, die für Arbeit im Kinderheim anfielen.

"Für viele, die sich an uns wenden, ist es ein unerwartetes Glück, dass sie sich plötzlich einen langen Wunsch erfüllen können oder durch die Rentenausgleichszahlungen auf einmal relativ viel Geld bekommen", sagt Ulrike Poppe. Und Berater Goller berichtet vom Fall eines Kriegswaisen, der zu DDR-Zeiten in einem Heim aufwuchs, als Pflegekind unter unmenschlichen Bedingungen im Stall eines Bauern aufwuchs, dann versuchte, nach Berlin (West) zu flüchten und schließlich im Jugendwerkhof und als Teilfacharbeiter in der Landwirtschaft endete. "Der Mann hatte den Wunsch, sich einmal im Leben gute Kleidung anzuschaffen", sagt Gollmer. "Und er wollte einen Computerkurs machen, um mit seinen Enkeln in Kontakt zu bleiben." Beide Wünsche konnten ihm mithilfe des Fonds finanziert werden: Denn seine Zeit im Heim trug dazu bei, dass er zu DDR-Zeiten eine schlechtere Ausbildung machte, als er sonst vielleicht gemacht hätte. "Ich bedauere zutiefst, dass viele Kinder und Jugendliche in den Heimen der DDR erhebliches Unrecht erfahren mussten", sagt Ministerin Münch.

"Ihre Lebens- und Entwicklungschancen wurden damit gravierend beeinträchtigt." Heute könne man Geschehenes nicht ungeschehen machen. "Aber wir können der Stigmatisierung der ehemaligen Heimkinder entgegentreten und sie dabei unterstützen, ihr Schicksal öffentlich zu thematisieren."