Doch auch zu seinem 70. Geburtstag, den er heute feiert, denkt Krenz nicht daran. Zu sehr beschäftigen ihn die Brüche nach 1989, als die DDR mit ihm an der Spitze unterging und er später wegen seiner Mitverantwortung für die Toten an Mauer und Stacheldraht fast vier Jahre im Gefängnis saß. In der Bundesrepublik ist Krenz bis heute nicht angekommen: "Ich kann mit diesem System keinen Frieden machen, weil das System keinen Frieden mit mir macht. Das politische System, das jetzt existiert, ist nicht mein System", sagt er.
Krenz war im Dezember 2003 auf Bewährung vorzeitig aus der Haft entlassen worden. Nach dem Urteil des Berliner Landgerichts, das ihn wegen Totschlags zu sechseinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt hatte, darf er nicht mehr für politische Ämter kandidieren. "Aber ich sitze nicht in der Schmollecke", erklärt Krenz. Er sei für viele Leute ein gefragter Ansprechpartner. Jetzt werde oft so getan, als wären die Familien in der DDR gezwungen worden, ihre Kinder in die Krippe zu stecken, ärgert er sich zum aktuellen Thema Kinderbetreuung. Und zum Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan sagt er: Mancher Politiker müsste vor Gericht landen, weil er billigend in Kauf nehme, dass Deutsche wieder in einem Krieg umkommen könnten.
Auch in Büchern, Vorträgen und Diskussionen vertritt der studierte Lehrer weiter seine politischen Ideale: "Im Moment ist es nicht realistisch, dass ein sozialistischer Staat in Deutschland entstehen könnte, aber den sozialistischen Traum gebe ich nicht auf." Der Untergang der DDR sei für ihn nicht der endgültige Sieg der politischen Ordnung der Bundesrepublik. "Die Geschichte ist nach vorne offen", gibt er sich kämpferisch. Krenz war 1990 aus der SED-Nachfolgepartei PDS ausgeschlossen worden.
Rückblickend will er die Entwicklung nach der Wende nicht ganz schwarz malen: "Ich bin ja kein Ignorant. Natürlich ist manches angenehmer geworden - wie die Möglichkeit zu reisen und die Sanierung der Innenstädte. Aber gleichzeitig gibt es zu viele Leute, die sich diese Annehmlichkeiten nicht leisten können." Dafür sei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die heute im Bundestag den gleichen Wahlkreis vertritt wie früher Krenz in der DDR-Volkskammer, mitverantwortlich. "Dabei müsste Merkel bei ihrer Biografie ein bisschen mehr Verständnis dafür haben, was einfache Leute bewegt."
Krenz war mit Beschwerden gegen seine Verurteilung nicht nur vor dem Bundesgerichtshof, sondern auch vor dem Europäischen Gerichtshof gescheitert. Er sei nicht wegen seiner Mitschuld an den Schüssen an der Mauer auf Flüchtlinge, sondern als Repräsentant der DDR verurteilt worden, hatte er damals gesagt. Auch heute ist Krenz der Ansicht, dass seine Verurteilung falsch war. Auf die Frage nach Reue weicht er aus: "Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich für Geschichte entschuldigen."
Der 1937 in Pommern geborene Krenz war 1983 ins SED-Politbüro, den höchsten Führungszirkel, aufgerückt und galt als zweiter Mann in der DDR-Führung hinter Erich Honecker. Nach dem Sturz Honeckers übernahm Krenz am 18. Oktober 1989 vor dem Hintergrund wachsender Unruhe und Demonstrationen die Macht. Krenz nahm auch für sich in Anspruch, dass die Wende ohne Blutvergießen verlief. Für die Bürgerbewegung und weite Teile der Bevölkerung war er aber einer der größten Wendehälse, der erst mutig wurde, als die Veränderungen nicht mehr aufzuhalten waren. Doch Anfang November 1989 musste das Politbüro wegen immer lauterer Proteste zurücktreten.