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"Dziwny jest ten Swiat" – ein Kultsong wird 50

Tausendfach auf Youtube geklickt – Ceszlaw Niemens Interpretation von "Dziwny jest ten Swiat".
Tausendfach auf Youtube geklickt – Ceszlaw Niemens Interpretation von "Dziwny jest ten Swiat". FOTO: Verena Ufer
Oppeln/Opole. Es war die inoffizielle Hymne der Hippie-Jugend in Polen – das Lied, das übersetzt etwa heißt "Eigenartig ist diese Welt" von Czeslaw Niemen. Nur wenig älter ist das Musikfestival, auf dem der Song einst Premiere hatte. In diesem Jahr wurde es abgesagt. Marie Baumgarten / mbr1

Unverkennbar das Intro der Orgel, dann die eindringliche Botschaft: "Eigenartig ist diese Welt/ wo immer noch/ Platz für so viel Schlechtes ist/ Eigenartig, dass seit Jahren schon/ Verachtung unter den Menschen herrscht./ Doch die guten Menschen sind in der Überzahl/ und ich glaub fest daran/ dass durch sie/ die Welt niemals untergeht."

Ein Song, der den Nerv der Zeit trifft und in Polen zum Kult-Protestsong der späten 60er-Jahre wird. Viele große polnische Künstler haben sich an ihm versucht. Doch das Original bleibt unerreicht. Keiner schmettert die Zeilen so umwerfend nachdrücklich wie Sänger Czeslaw Niemen, der sie geschrieben hat.

1967 gehört Niemen noch zum musikalischen Nachwuchs des Landes. Sein Auftritt beim "Landesfestival des polnischen Liedes" in Oppeln (Opole) verhilft ihm zum Durchbruch. In der Jury sitzt vor genau 50 Jahren Komponist Edward Spyrka, der den Erfolg des Songs vorausahnt: "Ich hatte ihn beim Festival zum ersten Mal gehört. Er war anders als alles andere. Wild und rebellisch. Ich wusste im ersten Moment nicht, ob ich dafür die höchste oder die niedrigste Bewertung geben sollte," erinnert sich Spyrka. "Aber die Vernunft hat gesiegt und er hat von mir die Höchstwertung bekommen." Niemen wird mit dem Sonderpreis des damaligen Veranstalters "Polskie Radio" ausgezeichnet. Nachdem sein Lied durch die Live-Übertragung im Rundfunk Millionen polnische Haushalte erreicht hat, wird er über Nacht zur Musiklegende.

"Dzwiny jest ten Swiat" ist bis heute einer der größten Hits des 2004 verstorbenen Sängers und zugleich einer der größten in der polnischen Musikgeschichte. Er bleibt eng verbunden mit dem traditionsreichen Oppelner Musikfestival, auf dessen Bühne Sänger ihn immer wieder neu interpretieren.

Das "Landesfestival des polnischen Liedes" gilt als eine der wichtigsten Veranstaltungen neben dem Festival in Zoppot (Sopot). Erstmals wird es 1963 veranstaltet und nur ein Mal 1982 während der Verhängung des Kriegsrechts unterbrochen. Nach Streitigkeiten zwischen den Künstlern, dem Veranstalter TVP und der Stadt in diesem Jahr ist das für Juni geplante Festival in Oppeln seitdem erstmals abgesagt worden. Dem staatlichen Sender TVP werden Zensurversuche vorgeworfen. Die Band "Misio", die in ihrem Musik-Clip in Gewändern katholischer Geistlicher vor dem Mikrofon tanzt, wurde vom diesjährigen Festival ausgeladen. Der Vorfall löst eine Welle der Solidarität aus. Mehrere Dutzend Musiker sagen ihren Auftritt ab, darunter die bekannte Sängerin Kayah und Maryla Rodowicz, die aus Anlass ihres 50. Bühnenjubiläums als Ehrengast vorgesehen war.

"Es gibt keine Schwarze Liste", beteuert der TVP-Leiter in einem Interview, doch damit kann er die Folgen nicht abwenden. Oppelns Stadtpräsident Arkadiusz Wisniewski von der Partei Bürgerplattform fürchtet um den guten Namen seiner Stadt und kündigt die Zusammenarbeit mit TVP. "Ich konnte keine 1,5 Millionen Zloty für eine Blamage ausgeben", sagt Wisniewski in einer Pressekonferenz. Daraufhin erklärt TVP-Chef Kurski, er wolle das Festival in der regierungsnahen Stadt Kielce noch im Juni veranstalten, zieht diese Aussage aber später zurück. In einer Pressekonferenz sagt er: "Wir wollen Oppeln keine Konkurrenz machen."

Wisniewski auf der anderen Seite plant das 54. Festival für den Herbst in Oppeln. Auf seiner Facebook-Seite schreibt er: "Das Landesfestival des polnischen Liedes gehört zu unserem Kulturerbe. In der kommenden Woche werden wir eine Akademie gründen, deren Aufgabe es sein wird, die Qualität des Festivals zu sichern." Wer Medienpartner wird, sei noch offen, schreibt Wisniewski. Für seine mutige Entscheidung bekommt der Stadtpräsident in den sozialen Netzwerken viel Zuspruch von Künstlern, Politikern und den Oppelner Bürgern.

Auch Edward Spyrka, der als langjähriges Jury-Mitglied eng mit dem Festival verbunden war, hält den Schritt für richtig und meint: "Niemen hätte seinen Auftritt unter diesen Umständen wahrscheinlich auch abgesagt."