Vielleicht hatte Konrad Adenauer doch so eine Ahnung. Als der erste Bundeskanzler versprach, die neue Freundschaft mit Frankreich werde wie eine Rose sein, "die alle Winterhärten glänzend übersteht", wurde er viel belächelt. Heute lässt sich sagen, dass der Alte zumindest fürs erste halbe Jahrhundert recht behalten hat. Das 50-jährige Bestehen des Élysée-Vertrags, mit dem Adenauer am 22. Januar 1963 mit Präsident Charles de Gaulle die Aussöhnung der beiden "Erbfeinde" perfekt gemacht hatte, wurde am Dienstag groß gefeiert.

Frost bremste Bläser aus

Und bei minus zehn Grad bekam man auch eine Idee davon, was er mit Winterhärte gemeint haben könnte. Wegen der Eiseskälte fanden die Feiern komplett im Saal statt - von der ersten Diskussionsrunde, die Kanzlerin Angela Merkel und Präsident François Hollande mit 200 jungen Leuten hatten, über ein halbes Dutzend gemeinsamer Sondersitzungen bis zum Konzert in der Philharmonie. Nur wer wirklich musste, ging raus vor die Tür.

Wie die Blechbläser der Bundeswehr, die vor Schloss Bellevue anzutreten hatten. Ihre Instrumente versagten wegen der Minusgrade den Dienst. So feierte die Politik mit ihren geladenen Gästen weitgehend unter sich. Vom normalen Volk war nicht viel zu sehen.

Nicht einmal im "Lutter&Wegner", einer Art Brasserie am Gendarmenmarkt, wo Merkel und Hollande in kleiner Runde zu Abend aßen, gab es Schaulustige. Draußen auf dem Platz interessierte sich kaum jemand für den Deutschen und Französischen Dom, die in den Landes- und Europafarben angestrahlt wurden.

Später stellte Merkel fest, der Termin im Januar sei ein "kleiner Malus". Der fröstelnde Gast widersprach nicht. Immerhin kam eine neue Duzfreundschaft zustande. Beim Nachtisch bot die Kanzlerin, die sich bis zur Wahl im letzten Mai für Hollandes konservativen Vorgänger Nicolas Sarkozy starkgemacht hatte, dem gleichaltrigen Sozialisten (beide 58) das Du an.

Schon länger sagen die beiden "Fronsoa" und "Ooonschela" zueinander. Aber bis zum richtigen Du hat es, so haben die Experten mitgezählt, 15 Treffen gedauert. Dafür kam es Merkel später im Kanzleramt schon flott von den Lippen: "Du hast das Wort". Sicherheitshalber fügte sie hinzu: "Es ist ja vielleicht unser bestgehütetes Geheimnis, dass die Chemie stimmt." Später, wenn sie wieder mehr Zeit hat, will sie vielleicht sogar Französisch lernen.

Auch Hollande ließ etwas schlechtes Gewissen erkennen, dass er kein Deutsch kann. Trotzdem gelte: "Der Strom zwischen uns fließt, ohne dass es dazu Elek-trizität braucht." Ansonsten verlief das Jubiläum nach anderthalb Jahren Vorbereitung wie erwartet: viel Pomp, viel Reden, viel Papier. Allein die Erklärung zur gemeinsamen Kabinettssitzung umfasst 75 Artikel. Dazu gab es noch ein Extra-Papier der beiden Chefs sowie eine Erklärung von Bundestag und Nationalversammlung.

In der Sondersitzung der Parlamente mit annähernd 1000 Abgeordneten wurde dann viel gelobt. Oft war von der einmaligen Partnerschaft die Rede, vom Stolz auf das Erreichte und von den Herausforderungen. Das ändert aber nichts daran, dass es um das Verhältnis schon besser bestellt war. Politisch trennt Merkel und Hollande weiter viel.

Außenpolitik-Differenzen

Vor allem in der Außenpolitik - einem der Kernbereiche des Élysée-Vertrags - treten die Unterschiede zutage: Zuletzt bei der Entscheidung über die Aufwertung der Palästinenser bei der UN und beim Mali-Einsatz. Hinter vorgehaltener Hand äußern viele in Berlin die Sorge, dass Paris das Ausmaß seiner Schuldenkrise noch immer nicht erkannt habe.

Auf öffentliche Ratschläge verzichtet man jedoch am Jahrestag - wissend, wie schnell die Franzosen von deutscher Besserwisserei genervt sind. Fakt ist auch, dass Deutschland und Frankreich in der EU mit ihren bald 28 Mitgliedern an Einfluss verloren haben.

Europas Parlament, Kommission und Zentralbank sind mit den Krisen und Reformen wichtiger geworden. Trotzdem sind die Erwartungen an das Zweier-Team weiterhin groß. So war es wohl klug, auf größere neue Projekte zum Jubiläum zu verzichten - einen neuen Beraterstab zur Arbeitswelt soll es geben, ein neues Berufsgymnasium in Bordeaux und eine Arbeitsvermittlung für die Grenzregion. Mehr nicht. "Was hätten wir auch tun sollen?", fragt ein Diplomat, der die ganze Zeit in der Vorbereitung dabei war. "Eine gemeinsame Mission zum Mars vielleicht? Aber dann hätten die einen wieder darüber geklagt, dass das nun wirklich nicht weit genug ist und die anderen wären unzufrieden gewesen, dass sie selbst nicht dabei sind."