Der ehemalige chinesische Spitzenbeamte Chen Bingzhong schaut sich nervös um. Er hat Angst, dass ihm die Polizei in das kleine Pekinger Café gefolgt ist. Denn seine Anschuldigungen gehen direkt gegen Chinas oberste Führung. "Die Regierung versucht, das Ausmaß des Aids-Skandals noch immer zu vertuschen", sagt der frühere Chef des Instituts für Gesundheitserziehung mit bebender Stimme.

In den 90er-Jahren haben sich besonders in der zentralchinesischen Provinz Henan Zehntausende arme Bauern mit dem Aids-Erreger HIV angesteckt. Sie hatten ihr Blut an skrupellose Händler und staatliche Kliniken verkauft. Die mischten das Blut mit dem anderer Spender, entnahmen das Plasma und leiteten es wieder intravenös ein. HIV-Tests wurden nicht gemacht. Und so breitete sich das Virus massenhaft aus.

Erst nach Jahren eingeschritten

"Die Regierung wollte einfach nicht eingestehen, dass der Handel mit Blut die Ursache war", klagt der mittlerweile in den USA lebende Aids-Aktivist Wan Yanhai. Erst nach Jahren schritt die Parteiführung ein. Nach Angaben der Gesundheitsbehörden haben sich 55 000 Menschen in Henan mit HIV infiziert, und 40 000 Kinder haben durch das Virus ihre Eltern verloren. Andere Hochrechnungen gehen von mehreren Hunderttausend Infizierten aus. Der Skandal von Henan bleibt eines der dunkelsten Kapitel in Chinas Gesundheitspolitik, auch wenn Peking in den vergangenen Jahren viel Lob für seine Aids-Politik geerntet hat.

"China kann große Erfolge vorweisen. Die Zahl der Neuinfektionen wurde weitgehend stabilisiert", sagt die Programmkoordinatorin der zuständigen Abteilung der Vereinten Nationen (UNAIDS), Hedia Belhadj.

Experten hatten anfangs zehn Millionen HIV-Infizierte bis zum Jahr 2010 in China befürchtet. Mit 780 000 Betroffenen ist nach Angaben der UN und chinesischer Behörden die Zahl bis heute weit darunter.

Für den 80 Jahre alten Chen können die Erfolge jedoch nicht über die Situation in Henan hinwegtäuschen. Bis heute seien die Verantwortlichen für den Skandal ungeschoren davongekommen, darunter Chinas Ministerpräsident Li Keqiang.

Im großen Stil vertuscht

Als Li Provinzgouverneur und später Parteichef in Henan war, sei der Skandal im großen Stil vertuscht worden. Aber seit Funktionär Li im März in den Führungszirkel in Peking aufgestiegen ist, scheint eine Aufklärung des dunklen Kapitels immer unwahrscheinlicher. "Li Keqiang muss endlich zur Rechenschaft gezogen werden", fordert Chen trotzdem.

Die betroffenen Provinzen räumen langsam das Ausmaß des Skandals ein. Ganze Dörfer sollen infiziert sein. Chinesische und ausländische Journalisten wurden an Reisen in die betroffenen Gemeinden gehindert. Aber couragierte Aktivisten machten den Skandal publik.

Mittlerweile stellen Gemeinden Medikamente bereit. Chinesische Behörden betonten, dass inzwischen rund 90 Prozent der Aids-Kranken gesundheitlich versorgt werden, wie Hedia Belhadj berichtet. Aktivist Chen klagt jedoch: "Die Behörden übertreiben. Viele Betroffene haben noch nie Medikamente bekommen." Außerdem verzichteten die Gesundheitsbehörden meist auf die erprobten internationalen Präparate und wählten stattdessen minderwertige chinesische Generika mit teilweise heftigen Nebenwirkungen.

Chen Bingzhong will auch weiterhin kein Blatt vor den Mund nehmen. "Ich habe Krebs und könnte sowieso bald sterben", sagt er.