Nach dem Abgang des Pegida-Vereinschefs Lutz Bachmann fragt sich das politische Dresden, wie es nun weitergeht mit den seit Wochen demonstrierenden "patriotischen Europäern". Der 41-jährige Frontmann zog am Mittwochabend Konsequenzen aus den ausländerfeindlichen Facebook-Beschimpfungen, die seit Tagen die Runde machen. Nun wird das zweite bekannte Gesicht der Bewegung interessanter. Sprecherin Kathrin Oertel distanzierte sich von Bachmann, wies dessen Titulierung von Migranten als "Dreckspack" und "Gelumpe" aufs Schärfste zurück.

Dabei hatte man sich gerade erst um ein mäßigeres Erscheinungsbild bemüht. Oertels Auftritt bei "Günther Jauch" am Sonntag und eine Pressekonferenz am Montag sollten das Verhältnis zu den Medien normalisieren. Doch das Bild Bachmanns mit Hitlerscheitel - ob satirisch gemeint oder nicht - sprach Bände.

Sachsens SPD-Chef und Wirtschaftsminister Martin Dulig hat inzwischen den Eindruck, als suchten die Organisatoren "nach einer Möglichkeit, Pegida ohne Gesichtsverlust zu beenden". Der eigentliche Grund für den Erfolg der Pegidisten sei "die häufig vorkommende Verwechslung von Heimatverbundenheit mit Wagenburgmentalität, mangelnde politische Bildung und Bindung sowie mangelnde Identifikation mit der parlamentarischen Demokratie als Staatsform".

Am Umgang mit den Demonstrationen scheiden sich die Geister in der schwarz-roten Staatsregierung. Innenminister Markus Ulbig (CDU) ließ vor einer Woche durchblicken, er könne sich Gespräche mit den Pegida-Organisatoren vorstellen. Ein Novum in der schwarz-roten Strategie. Denn bis dahin hatte die Staatsregierung den direkten Draht zu Lutz Bachmann und seinem engen Kreis dem Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, Frank Richter, überlassen.

Für Ärger in der SPD sorgten auch die Äußerungen der CDU-Bundestagsabgeordneten Veronika Bellmann zur vermeintlichen Islamisierung. Diese, so die Freibergerin, finde als Folge der demografischen Entwicklung längst statt. "Das, was nachwächst, wächst in den muslimischen Teilen viel größer als in den jeweiligen nationalen Teilen", sagte Bellmann Anfang der Woche.

Derlei kommt beim Koalitionspartner schlecht an. Inakzeptabel fand Bellmanns Äußerungen der SPD-Landtagsabgeordnete Henning Homann. Aufgabe von Politik sei es, Menschen aufzuklären, so Homann, "nicht aber diffuse Ängste von Bürgerinnen und Bürgern noch zu schüren." Er forderte von der CDU eine Distanzierung von solchen Äußerungen - die aber bislang ausblieb. Die Leipziger SPD-Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe forderte die CDU auf, ihren "Zickzackkurs in Sachen Pegida" zu beenden. "Islamfeindliche Einstellungen scheinen in der CDU Sachsen weiter verbreitet zu sein, als die Parteispitze vorgibt", vermutet Kolbe.

Derweil versucht es die CDU-Spitze mit Gesprächen. Während am Mittwochabend in Leipzig 15 000 Anhänger des Pegida-Ablegers Legida marschierten, startete Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) in Dresden seinen Gesprächsversuch. 300 Leute machten mit beim ersten Dialogforum im Dresdner Kongresszentrum. Geladen hatten Freistaat und Stadt. Die Teilnehmer waren aus vielen Bewerbern ausgelost. Mit den Diskussionen an 50 Einzeltischen im Saal wollte Tillich sein seit Wochen wiederholtes Dialogangebot an die Bürger - in erster Linie an die Mitläufer von Pegida - einlösen. Indes, der Titel der Veranstaltung "Miteinander in Sachsen" ließ die Demos bewusst außen vor.

Immerhin, einige Gesprächsteilnehmer im Kongresszentrum gaben sich als Pegida-Anhänger zu erkennen. Es ging natürlich viel um Zuwanderung, Asyl und Inte gration. In Tischrunden von sechs Leuten suchte die Politikspitze den Kontakt zu den Bürgern. Neben Tillich auch die SPD-Inte grationsministerin Petra Köpping und Dresdens OB Helma Orosz (CDU). Solche Termine solle es nun öfter geben, sagte Tillich.

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Leipzig will aus der aufgeheizten Stimmung beim zweiten Aufmarsch des Legida-Bündnisses Konsequenzen ziehen. Angesichts von Pöbeleien, Aggressivität und Gewalt am Mittwochabend werde für die angemeldete Kundgebung kommende Woche über Auflagen nachgedacht, sagte Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) am gestrigen Donnerstag. "Die Legidas haben klar die Maske fallen lassen." Viele Teilnehmer seien eigens zugereist, viele stammten aus der Hooligan-Szene, viele stünden wohl der NPD nahe. Das seien andere als die, die Sorgen hätten oder unzufrieden seien. "Mit Menschen, die in Angst sind - mit denen müssen wir sprechen." In Leipzig waren Polizisten mit Böllern, Flaschen und Laserpointern verletzt worden. dpa/bl