Ein Streit, der auch das Gipfeltreffen der 26 Partner heute und morgen in Riga überschattet. Deutschland steht dabei mitten in der Schusslinie. Zugleich ist das Bündnis politisch geschwächt: US-Präsident George W. Bush reist als Wahlverlierer an. Auch in Staaten wie Großbritannien und Frankreich stehen Führungswechsel bevor.
"Wenn wir in Afghanistan keinen Erfolg haben, wird das Land wieder zum Exporteur von Terrorismus", warnte Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer kurz vor dem Gipfel, auf dem er für mehr Einsatz werben will. Im Kampf gegen Terror und Taliban ist die Allianz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den Hindukusch gezogen. Doch fünf Jahre später sieht die Bilanz düster aus: Al-Qaida-Chef Osama bin Laden bleibt unauffindbar. Die radikalislamischen Taliban weiten ihren Widerstand aus. 3700 Menschen wurden in diesem Jahr getötet - vier Mal so viele wie noch 2005. Ein zweiter Irak bahne sich an, unken Kritiker.

Rufe nach Solidarität
Kein Wunder also, dass der Nato-Generalsekretär immer lauter die "Solidarität" der Bündnispartner einfordert. 2500 Soldaten fehlen nach Nato-Analysen für die Internationale Schutztruppe für Afghanistan (Isaf), die derzeit gut 30 000 Mann aus 37 Ländern umfasst. Und das ist nur der "Grundbedarf". Besonders im Süden des Landes, wo heftige Kämpfe toben, rufen Nato-Führung sowie Kanadier und Briten nach Unterstützung.
Bei der Bundesregierung beißen sie damit allerdings auf Granit. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) verweist auf die "eindeutige Aufteilung" mit der Nato, nach der die Deutschen die Verantwortung im Norden haben, die Italiener im Westen, die USA im Osten und die Kanadier im Süden. Das geht auch aus dem Afghanistan-Mandat hervor, das der Bundestag erst Ende September für ein weiteres Jahr verlängert hat. Darin ist festgeschrieben, dass die derzeit rund 2800 deutschen Soldaten das nördliche Regionalkommando in Masar-i-Scharif verantworten.
Nur in "Notsituationen" werde die Bundeswehr diesen Posten verlassen, unterstreicht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) immer wieder. Und so reist Merkel auch ohne nennenswerte Zugeständnisse an die Nato-Führung in die lettische Hauptstadt. Auch Italiener und Spanier halten es wie die Deutschen. Bei der Nato heißt es, es sei wie in der Schule. Alle duckten sich, schielten auf den Nachbarn und zucken nur dann auf, wenn es gar nicht mehr anders gehe. Als einziger Mitgliedstaat hat Polen zugesagt, die Afghanistan-Truppen ab dem kommenden Jahr mit tausend Mann zu verstärken. Das aber löst das Problem nicht.

Militärische Lösung unmöglich
Denn eine "militärische Lösung" gibt es für Afghanistan nicht, wie Nato-Chef De Hoop Scheffer betont. Das hat auch Merkel zu ihrem Mantra gemacht. Sie will ein stärkeres Zusammenwirken von Politik, Militär, Polizei und Entwicklungshelfern. Der Bundesregierung kommt das politisch zupass, denn so kann sie auf ihre Führungsrolle bei der Ausbildung der afghanischen Polizei verweisen und auf ihr bereits vorhandenes Engagement bei den Wiederaufbauteams in Nordafghanistan.
Die Haltung der internationalen Gemeinschaft stößt bei Krisen-Experten indes auf scharfe Kritik. "Der Wunsch nach einem schnellen, billigen Krieg, gefolgt von einem schnellen, billigen Frieden hat Afghanistan in die heutige, zunehmend gefährliche Lage gebracht", schreibt die anerkannte Denkfabrik International Crisis Group in einem jüngst in Brüssel veröffentlichten Bericht. Deutschland und andere Staaten müssten ihre Vorbehalte gegen eine "echte Zusammenarbeit der internationalen Kräfte" aufgeben.
In Nato-Kreisen werden bereits Forderungen nach einem "starken Mann" laut, der die militärischen und zivilen Akteure koordinieren soll. Wer das sein könnte, ist offen. Beim Riga-Gipfel dürfte es daher bei Appellen bleiben.