Doch zum zehnten Jahrestag fällt die Reformbilanz dürftig aus. "Alle unsere zu großen Ideale haben sich ins Gegenteil verkehrt", zieht Dragana Srdic, eine Ikone des Widerstandes gegen Milosevic, bittere Bilanz. Alles sollte anders werden, doch vieles blieb gleich, stimmen viele Analytiker überein.Nach der Ermordung von Djindjic vor sechs Jahren wurde das Rad zurückgedreht. Die alten Milosevic-Kader sind wieder in Amt und Würden. Die Djindjic-Partei hat sich mit ihren Feinden in Milosevic' SPS ausgesöhnt. Die Djindjic-Nachfolger sitzen mit den Milosevic-Vertrauten in der Regierung. Und die SPS-Spitze hat gerade wieder die Widersacher Djindjic und Milosevic auf eine Stufe gestellt und ihr Idol als "Held aller Helden" bejubelt. Vuk Draskovic, einst Anführer der Anti-Milosevic-Massen, warnte erst kürzlich vor der "Wiederbelegung des pathologischen Blicks auf Verbrechen als Tugend und auf die Verbrecher als Heroen". Staatschef Boris Tadic will "die Verquickung von Mafia, Politik und Justiz" durchbrechen. Der bekannteste Karikaturist des Landes antwortete: Aus der Anzugtasche des riesig gezeichneten reichsten Serben, der mit zwielichtigen Geschäften unter Milosevic groß geworden war, lugt der mehr als kleine Tadic mit einem Redetext unter der Überschrift "Stopp der Korruption".Das Justizministerium hat vor wenigen Tagen eingeräumt, dass die Gerichte "langsamer arbeiten denn je". Dass in letzter Zeit wieder mehr als zweifelhafte Urteile gefällt wurden, vergaß man zu sagen. Eine Politikerin der Regierungspartei G17 lässt keine Zweifel aufkommen: Nach der Djindjic-Ermordung hat es "keine tief greifenden Reformen mehr gegeben". Dies, die Selbstbedienungsmentalität der Politiker und Korruptionsaffären haben die Menschen verbittert. Zwei Drittel der Studenten wollen nach dem Abschluss ihr Land verlassen.Wenn Tadic jetzt der Korruption den Kampf angesagt hat, müsse er erst einmal offenlegen, wie sich seine DS-Partei finanziert, so die oberste staatliche Anti-Korruptions-Kämpferin Verica Barac. Gerade die geheime Finanzierung aus dubiosen Quellen vertusche den Zusammenschluss von Politik, Mafia und Justiz. "Die Politiker werden doch nicht mit sich selbst abrechnen", gibt sich die private Anti-Korruptionsorganisation "Transparenz Serbien" keinen Illusionen hin.