Einzelne Verlage wollen strittige Wörter in Kinderbüchern glätten oder sie haben es bereits getan.

Das trifft im Bundestag auf viel Unverständnis. Auch wenn in einigen klassischen Geschichten und Märchen Gewalt verherrlicht, Minderheiten diskriminiert und Vorurteile aufgebaut würden, so der kulturpolitische Sprecher der Union, Jens Börnsen (CDU), "ist es trotzdem nicht angebracht, Nachbesserungen vorzunehmen, damit sie unserem Zeitgeist entsprechen". Außerdem, so Börnsen, seien gewaltverherrlichende Computerspiele und Filme viel schädlicher. Es gebe Erhebungen, wonach Kinder am Tag 60 Morde im Fernsehen erleben könnten, wenn sie von morgens bis abends TV gucken würden.

Trotzdem sind viele Märchen starker Tobak für junge Gemüter, es wird gefoltert, gemordet, vergiftet, in Wäldern ausgesetzt. FDP-Experte Burkhardt Müller-Sönksen wünscht sich daher, dass Eltern "pädagogisch motivierte Gespräche" führen, "anstatt politisch korrekte und historisch zensierte Kinderbücher auszuwählen". Das Thema sei zwar keines für den Gesetzgeber, gleichwohl befürworte er eine Debatte darüber im zuständigen Kulturausschuss des Bundestages.

Die ehemalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD), die jetzt Mitglied des Gremiums ist, sagt: "Die Texte sind authentisch, so wie sie in der damaligen Zeit waren. Wir fangen ja auch nicht an, Goethe oder Schiller umzuschreiben." Außerdem könne man problematische Begriffe beim Vorlesen erklären.

Einheitlich ist die Meinung unter den Kulturpolitikern des Bundestages jedoch nicht. So betont die Grüne Agnes Krumwiede, sie sei dafür, dass Kinderbücher "neu übersetzt oder sprachlich überarbeitet werden". Durch eine neuere Sprache bekämen Kinder auch einen besseren Zugang zu den Geschichten über "Tom Sawyer", "Pippi Langstrumpf" oder "Die kleine Hexe".

Demgegenüber erinnert sich die Linke Luc Jochimsen an ihre eigene Dissertation: Ihre Arbeit habe 1961 den Titel getragen "Zigeuner heute". Damals sei das Wort "Zigeuner" kein kritisierter Begriff gewesen und von jedem benutzt worden, so Jochimsen. "Ich würde diesen Titel nie umformulieren." Die Sprache von Autoren zu verändern, die nicht mehr lebten und aus einer bestimmten Zeit heraus geschrieben hätten, "halte ich für falsch". Auch Jochimsen plädiert dafür, dass sich der Ausschuss mit dem Vorgehen von Verlagen beschäftigt.