Ein kleiner Versammlungsraum im Soziokulturellen Zentrum in Cottbus-Sachsendorf. Schmucklos, bis auf eine kleine Topfpflanze, vor der ein Foto des als „Geistheilers“ bekannten Bruno Gröning steht. Vor dem Bild entzündet Günter Trappe mit ernstem Gesicht eine Kerze. „Bruno ist bei uns, auch wenn er nicht mehr unter den Lebenden weilt.“

Bruno ist der Grund, weshalb Trappe heute Abend zu einem Vortrag über „Hilfe und Heilung auf geistigem Weg“ gebeten hat. Trappe glaubt an geistige Heilung. Er leitet die „Gemeinschaft Cottbus Süd“ des Bruno-Gröning-Freundeskreises, will neue Mitglieder werben, und wer Mitglied werden will, muss sich zuerst seinen Vortrag anhören. Und das wollen an diesem kalten Winterabend tatsächlich einige Menschen.

Ein älteres Pärchen aus der Nachbarschaft, das sich „irgendwas mit Entspannung“ erhofft. Eine angehende Heilpraktikerin, die nicht viel von der Schulmedizin hält, dazu noch zwei Männer, die eher einsam wirken als krank.

Sie alle hören aufmerksam zu, als Günter Trappe zu reden beginnt. Der Rentner erzählt vom „Heilstrom“, der Mensch und Tier von Krankheit befreit, sogar Maschinen reparieren kann. „Aber nur, wenn man darum bittet und von ganzem Herzen will“, sagt Trappe. „Sonst funktioniert es nicht.“ Wie dieser „Heilstrom“ funktioniert, das will er am Ende seines Vortrags demonstrieren.

Erst aber zeigt er noch ein Video, mit angeblich dokumentierten Heilungen. „Lahme konnten wieder gehen, Blinde sehen“, mit „dokumentierten“ Heilungen, in denen ein Mediziner zu Wort kommt. Erst dann dürfen wir uns, untermalt von leiser Musik, zurücklehnen und „einstellen“. Einige Minuten abwarten, was passiert, „wer mag, auch mit geschlossenen Augen“, gestattet Trappe. Danach fragt er, wer schon etwas gespürt hat. „Eine angenehme Wärme“ sagt die angehende Heilpraktikerin, wir anderen waren wohl noch nicht entspannt genug. Was nicht schlimm sei, sagt Trappe, man solle seine Adresse hinterlassen und Mitglied im Freundeskreis werden. „Ganz unverbindlich, ohne finanzielle Interessen.“

Trotz dieser Beteuerungen gilt der „Freundeskreis“ als Sekte. Pfarrer Thomas Gandow, Sektenbeauftragter der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, sieht in seinem Wirken Gefahren. „Die Anhänger Grönings glauben, Kugeln aus Stanniolpapier mit seinen Haaren oder Fotos von Bruno seien mit Heilstrom aufgeladen und könnten ihnen helfen. Wenn sie darauf vertrauen und auf Arztbesuche verzichten, kann das riskant werden.“

Für Gandow ist die Sekte ein Sammelbecken von Modernisierungsverlierern. „Menschen, die intellektuell überfordert sind, suchen einen Rahmen, in dem sie mit ihren Leiden und Krankheiten akzeptiert sind. In den Freundeskreisen, die oft sehr altbacken daherkommen, fühlen sie sich aufgehoben.“ Da innerhalb der Sekte Kritiker oft als „satanisch“ bezeichnet werden, führt die Mitgliedschaft nach Warnungen der sächsischen Lutherischen Landeskirche oft in die völlige Isolation.

Gröning selbst war gegen Ende seines Lebens wegen Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz mit Berufsverbot belegt. Er starb an Krebs, ohne sich heilen zu können.

Für seine Anhänger liegt darin kein Widerspruch. „Er ist innerlich verbrannt“, erklärt Günter Trappe, „weil er nicht mehr heilen durfte und die Energie nicht mehr abgeben konnte.“ Auch der Sektenvorwurf stört den Cottbuser nicht. „Das ist zu nebensächlich für mich.“

Eine Mitarbeiterin des Soziokulturellen Zentrums wurde allerdings schon oft mit Bedenken gegen den „Freundeskreis“ konfrontiert. „Ich habe mich bei der Stadt rückversichert“, sagt sie. „Da aber der Freundeskreis nicht verboten ist und beim Verfassungsschutz nicht auffällig wurde, sollte ich die Veranstaltungen nicht unterbinden.“ Auf RUNDSCHAU-Nachfrage hat sich das zuständige Dezernat des Problems angenommen und lässt alle rechtlichen Aspekte des Themas prüfen.