"Jetzt bin ich wieder in der Kultur angekommen, dachte ich, als ich die Leitung des Projektes übernahm", sagt sie. Die 58-Jährige fühlt sich sichtbar wohl in dem kleinen Reich im ersten Stock. Seine Wände sind rundum mit Bücherregalen bestückt. Es finden gerade noch ein Computerarbeitsplatz und ein kleiner Tisch mit Stühlen Platz, an dem Klarissa Kayser an diesem Morgen Pläne für ihre Leseecken-Mannschaft schmiedet. Sie lächelt und wirkt jugendlich, wenn sie mit Leidenschaft über das Projekt spricht. "Wir wollen so viele Menschen wie nur möglich für Literatur begeistern", erklärt sie. An einem sozialen Brennpunkt wie in Sachsendorf ist das kein leichtes Vorhaben. Das weiß auch Clarissa Kayser. "Vor allem Frauen leihen sich hier Bücher aus, bei Männern und Jugendlichen haben wir Nachholbedarf", beda uert sie. "Aber wir lassen nicht locker", verspricht die ehrenamtliche Chefin von acht weiteren freiwilligen Helferinnen. Aufgeben war ohnehin für sie noch nie ein Thema. Als die studierte Kulturwissenschaftlerin, die einst große Veranstaltungen in Berlin organisierte und später in der Lausitz im Volkskunstbereich wirkte, nach der Wende ihre Arbeit verlor, schulte sie um. Klarissa Kayser schloss erfolgreich ein Sozialpädagogik-Aufbau-Studium ab und betreute in den folgenden Jahren zahlreiche Projekte im Cottbuser Frauenzentrum Lila Villa. "Kurse zur Selbstverteidigung und Rhetorik-Lehrgänge zum Beispiel", erinnert sie sich. "Frauen können eine ganze Menge, aber es fehlt vielen an Selbstvertrauen. Das müssen sie schulen", wünscht Klarissa Kayser. "Du musst dich überwinden, dich auf Neues einlassen", dieses Motto hat sie auch sich selbst zu Eigen gemac ht. Als die Fördergelder für die Kurse in der Lila Villa knapper wurden, am Horizont Arbeitslosigkeit drohte, setzte sich die damals 55-Jährige nochmal auf die Schulbank und machte die notwendigen Abschlüsse für den Start in die Selbstständigkeit.
Heute hat sie sich eine eigene Existenz als Persönlichkeits- und Anti-Stress-Trainerin aufgebaut. "Zu Hause sitzen, das kommt für mich nicht infrage", sagt sie. "Meine Arbeit gibt mir Kraft und hält fit." Parallel zu ihrer Existenzgründung hatte sie sich deshalb auch noch für das Ehrenamt" entschieden. "Das wollte ich unbedingt machen, Literatur, Musik, Theater, Kultur eben - das war von klein auf mein Leben", schwärmt sie.
Inzwischen gurgelt leise der Wasserkocher. Auch wenn das Lesecafé im Flur, wo bei Tee oder Kaffee geschmökert und geplauscht werden kann, an diesem verregneten Tag zunächst verwaist bleibt - Klarissa Kayser kocht Tee für zwei Mitstreiterinnen, die gerade zum "Dienst" gekommen sind. Die Rentnerin Heidi Knoop und Martina Schmiediche, die seit einiger Zeit arbeitslos ist, lieben die "vielseitige Bücherei-Arbeit und vor allem die Gespräche". Und sie sind wie Klarissa Kayser besonders stolz auf viele gut besuchte "Erlebnislesungen", neben der Ausleihe wichtiges Standbein der "Bücherecke". Dabei wird Geistesnahrung mit sinnlichen Genüssen verwoben. So gab es ukrainischen Tee zu "Geschichten am Samowar", "Loriotsches" mit hart gekochten Eiern oder einen Abend unter dem Motto "Der tolle Pückler*amp *ldquo;. "Dafür hatte die Turnower Landfleischerei extra für uns Leberwurst nach Pücklerschem Rezept gefertigt", erinnert sich Klarissa Kayser schmunzelnd. "Wir haben in zwei Jahren viele Partner gewonnen", resümiert die Projektleiterin. "Cottbuser Vereine, Firmen, Schriftsteller, Buchhandlungen, Bibliotheken, Theatergruppen" - wir sind in ein richtiges Netzwerk eingebettet", fügt sie hinzu. "Wir nehmen - und wir geben etwas zurück." Darauf legt sie Wert.
Regelmäßig gestalten sie und ihre Mitstreiter zum Beispiel Senioren-Lesungen im Cottbuser Riedel-Stift, sie sind mit ihrem Bücherstand auf vielen Volksfesten dabei, werben für das Lesen und verschenken Bücher.
In diesen Tagen beginnen die Proben für eine neue Loriot-Lesung. Sie soll Premiere vor Mitarbeitern von EnviaM in Cottbus haben - "als Dankeschön für eine größere Bücherspende", wie Klarissa Kayser sagt.

Steckbrief "Ich bin froh, wahre und echte Freunde zu haben"
Geboren : am 15. Juni 1949 im Kreis Weißwasser.
Familie : Verheiratet, zwei erwachsene Söhne.
Beruf : Diplom-Kulturwissenschaftlerin, Diplom-Sozialpädagogin.
Größte Niederlage : Gab es nicht.
Größer Erfolg : Start in die Selbstständigkeit und erfolgreicher "Seitensprung" ins Ehrenamt.
Zuletzt geärgert : Das Ehrenamt hat noch nicht den gesellschaftlichen Stellenwert, den es eigentlich verdient.
Zuletzt gefreut : Über Ideenreichtum meiner Mitarbeiterinnen in der "Bücherecke" bei allen ehrenamtlichen Aktivitäten.
Wenn ich einen Wunsch frei hätte : Die Menschen sollten wieder mehr Freude am Lesen entdecken.
Lebensmotto : Schließt sich eine Tür, so geht woanders eine neue auf.
Vorbilder : In jeder Lebensphase neue, von denen ich für mich das Besondere herausfiltere.
Was ich noch sagen wollte : Ich bin froh, wahre und echte Freunde zu haben, auf die ich mich verlassen kann.