| 02:33 Uhr

Druck auf die Autobauer wächst

Rückhalt hat die Automobilindustrie auch bei der IG Metall verloren. Auch sie fordert angesichts der aktuellen Entwicklungen verstärkte Investitionen in Zukunftstechnologien.
Rückhalt hat die Automobilindustrie auch bei der IG Metall verloren. Auch sie fordert angesichts der aktuellen Entwicklungen verstärkte Investitionen in Zukunftstechnologien. FOTO: dpa
Berlin/Wolfsburg. Ausgerechnet in Wolfsburg bei VW beginnt Umweltministerin Barbara Hendricks am heutigen Donnerstag ihre lange geplante Sommerreise. Die SPD-Politikerin ist in der Branche nicht unbedingt beliebt, seit sie im vergangenen Jahr vorschlug, ab 2030 nur noch Elektroantriebe oder Brennstoffzellen in Neuwagen zu erlauben. Werner Kolhoff

Doch jetzt wird man ihr wohl aufmerksam zuhören. Die deutsche Autoindustrie steht mächtig unter Druck.

Und das nicht nur wegen Dieselgate und Kartellaffäre. Zu allem Überfluss hat die französische und britische Entscheidung, Verbrennungsmotoren ab 2040 bei Neuwagen nicht mehr zuzulassen, VW und Co. jetzt auch noch eine Grundsatzdebatte über ihre technologische Orientierung beschert. Hendricks, die im vergangenen Jahr mit ihrem Vorstoß noch an der Kanzlerin, dem Wirtschafts- und dem Verkehrsministerium gescheitert war, verspürt nun Oberwasser. "Wir sind gut beraten, das Signal sehr ernst zu nehmen und die Entwicklung alternativer Antriebe voranzutreiben", ließ sie ihren Sprecher in Berlin verlauten.

Auch Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter nutzte die Vorlage aus den europäischen Nachbarländern sofort: "Die Tage des fossilen Verbrenners sind längst gezählt", sagte er der RUNDSCHAU. "Die Bundesregierung darf nicht länger ein totes Pferd reiten." Hofreiter schlug wie einst Hendricks das Jahr 2030 als Ausstiegsdatum vor. Der Linken-Verkehrspolitiker Herbert Behrens forderte ebenfalls eine klare zeitliche Entscheidung für eine Abkehr von fossilen Energieträgern im Verkehr.

Noch überwiegen in der Regierung die zurückhaltenden Kräfte. Das Wirtschaftsministerium erklärte, es sei jetzt wichtig, "in Europa ambitioniert und einheitlich vorzugehen". Allerdings solle man sich dabei weder auf eine Technologie festlegen noch auf eine Jahreszahl. Ähnlich äußerte sich das Verkehrsministerium von Alexander Dobrindt (CSU). "Diskussionen um Jahreszahlen sind relativ fantasielos", meinte sein Sprecher. Und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ aus dem Urlaub so etwas wie ein "Basta" verlauten: "Das Verbot von Diesel oder Benzinern steht derzeit nicht auf der Agenda der Bundesregierung", so ihre Sprecherin.

Doch bröckelt die Front. Mit dem Verkehrsexperten Oliver Wittke sprach sich sogar ein CDU-Politiker am Mittwoch für einen Kurswechsel aus. "Den Abschied von der Verbrennungstechnologie werden wir kurzfristig einleiten müssen", sagte der Bundestagsabgeordnete. Es gehe nicht an, dass Großbritannien hier den "Taktgeber" spiele, Deutschland als das europäische Automobil-Land Nummer eins aber hinterherhinke.

Wie stark die Autoindustrie derzeit an Rückhalt verloren hat, zeigt auch die Reaktion der IG Metall, der Hausgewerkschaft der Hersteller. Bei einem Pressegespräch am Dienstagabend in Berlin erklärte ihr Vorstandsmitglied Jürgen Kerner: "Wir werden diese Branche nicht durch Bewahren erhalten, sondern nur durch Zukunftstechnologien."

Der Dieselgipfel nächsten Mittwoch müsse auch über Mobilitätskonzepte der Zukunft und Elektromobilität sprechen. "Dass da jetzt Druck hinter muss, ist klar", sagte Kerner. Auf eine Jahreszahl für den Ausstieg aus Verbrennungsmotoren wollte er sich nicht festlegen, lehnte eine solche aber auch nicht grundsätzlich ab.

In der Diesel-Affäre fordert die IG-Metall, dass die Konzerne außer dem von ihnen angebotenen Software-Update auch eine Nachrüstung für die älteren Modelle anbieten, "und zwar auf ihre Kosten", so Kerner. Und zu den Ermittlungen wegen verbotener Kartell-Absprachen müsse Offenheit das oberste Gebot sein. "Eine Wagenburg wäre jetzt völlig verkehrt". DGB-Chef Reiner Hoffmann sagte, eine vollständige Transparenz liege auch im Interesse der Autoindustrie. Zugleich warnte er aber davor, die Branche insgesamt in Misskredit zu bringen. "Wir werden nur mit einem hohen Anteil industrieller Wirtschaft unsere Zukunft sichern."

Zum Thema:
Großbritannien will den Verkauf von Diesel und Benzinautos ab 2040 verbieten. Solche Fahrzeuge verursachten Gesundheitsprobleme und schadeten dem Klima, sagte Umweltminister Michael Gove am Mittwoch in London. Erst vor knapp drei Wochen hatte Frankreich erklärt, den Verkauf von Verbrennungsmotoren bis 2040 zu stoppen. Nach Angaben von Gove sollen Diesel- und Benzinfahrzeuge bis 2050 ganz von den britischen Straßen verschwinden. Neue Gebühren werden bei Diesel-Fahrzeugen auf stark verstopften Straßen ab 2020 erhoben. Viele Städte in Großbritannien leiden unter schlechter Luft, insbesondere London.