Schon beim letzten Personalkarussell vor fünf Monaten ließen die Genossen keinerlei Machtvakuum zu. Was sich hinter dem Chefsessel tut, findet meist weniger Beachtung. Dabei zeigt sich gerade in der zweiten Führungsreihe die ganze Drittklassigkeit der SPD. Zu den Stellvertretern von Platzecks Vorgänger Franz Müntefering gehörten immerhin noch profilierte Leute wie Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieszorek-Zeul und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Heute heißen die Protagonisten Bärbel Dieckmann, Elke Ferner oder Jens Bullerjahn. Wenn der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck auf einem Sonderparteitag Mitte Mai vom Stellvertreter zum Vorsitzenden aufsteigt, dann droht der fünfköpfigen Vize-Riege endgültig die kollektive Farblosigkeit.
In der Partei selbst regt sich bereits Unmut. "Die Stellvertreter haben offenbar die Funktion, den Vorsitzenden nicht zu stören und die erfüllen sie voll", spottet ein SPD-Bundestagsabgeordneter, der lieber anonym bleiben will. Ein anderer Genosse klagt schlicht über die "Provin zialisierung einer ehemals internationalistischen Organisation". Im engsten Führungszirkel gilt neben Beck nur noch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück als politisches Schwergewicht. Dabei zählt der Nord rhein- Westfale nicht unbedingt zu den Lieblingen der Partei. Der Rest ist eher aus der Not geboren. Beispiel Elke Ferner. Die 47-jährige Saarländerin und ehemalige Verkehrs-Staatssekretärin wurde auf einer turbulenten Vor standssitzung im November 2005 zum Parteivize ausgerufen, nachdem Präsidiumsmitglied Andrea Nahles den Posten ausgeschlagen hatte - der Ersatz musste weiblich und aus dem linken Lager sein. Jens Bullerjahn wurde ebenfalls von seiner künftigen Rolle als Beck-Ersatz überrascht. Erst auf der Präsidiumssitzung am Montag erfuhr er von seiner politischen Blitzkarriere. Dabei sollte sich der 43-jährige Sachsen-Anhalter erst einmal als stellvertretender Ministerpräsident in Magdeburg bewähren. Im Berliner Willy-Brandt-Haus gab indes Bullerjahns ostdeutsche Herkunft den Ausschlag. Auch bei Bärbel Dieckmann zählt vorrangig Proporz statt Profil. Als Bonner Oberbürgermeisterin erfülle sie die "kommunale Quote", ätzt ein Genosse. Bundespolitisch ist die Rheinländerin jedenfalls noch nicht in Erscheinung getreten. Bleibt noch Ute Vogt. Sie ist fortan die dienstälteste G enossin im Kreis der Stellvertreter. Ihren politischen Aufstieg verdankt die Baden-Württembergerin Altkanzler Gerhard Schröder. Doch die großen Hoffnungen haben sich längst zerstreut. Zum zweiten Mal in Folge unterlag die rote Spitzenkandidatin Vogt der scheinbar allmächtigen CDU im "Ländle".
So stehen die SPD-Stellvertreter praktisch mit leeren Händen da, während die Union von ihrer stattlichen Riege der Ministerpräsidenten zehren kann. Zu den Stellvertretern von CDU-Chefin Angela Merkel gehören Niedersachsens Regierungschef Christian Wulff und Nordrhein-Westfalens Premier Jürgen Rüttgers. Hinzu kommt noch Merkels Kabinettskollegin, Bildungsministerin Annette Schavan. SPD-Fraktionsvize Walter Kolbow kleidet den offenkundigen Unterschied zwischen Bundesliga und Regionalkasse in einen diplomatisch verpackten Hilferuf: "Im Mai findet bei uns lediglich eine Ergänzungswahl bei den Stellvertretern statt. Beim nächsten ordentlichen Parteitag müssen wir aber schauen, ob wir eine Parteispitze haben, die in Gänze Ausstrahlungskraft besitzt."