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| 01:03 Uhr

Dresdens Glocke schlägt wieder

„Überwältigend, einfach überwältigend!“ Eine 65-jährige Stuttgarterin ringt nach Worten. Sie ist extra zum Tag der Einweihung der Frauenkirche mit einer Reisegruppe aus Süddeutschland nach Dresden gereist. Von Marius Zippe und Leonhardt Krause

Mehr als zwei Stunden hat sie in den langen Menschenschlangen vor der Kirche gestanden, um zu den ersten Besuchern zu gehören, die den Barockbau nach der Einweihung besichtigten. Fasziniert ist sie vor allem von den hellen Farben und der Stille in der evangelischen Kirche, die am Sonntagvormittag ihrer Bestimmung übergeben worden war.
Pfarrer Stephan Fritz begrüßt auf dem Vorplatz zehntausende Menschen. "Ein Ort der Begegnung, des Friedens, der Hoffnung", soll die neue Kirche werden, ruft er ihnen zu. Dann tragen Schüler die Bibel, Kerzenständer, Abendmahlskelche und ein Kreuz aus Nägeln der 1940 von deutschen Bomben zerstörten Kathedrale im englischen Coventry in den Kuppelbau. 1700 geladene Gottesdienstbesucher erheben sich von ihren Plätzen.
"Alles wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet", beginnt der evangelische Landesbischof Jochen Bohl die Weihehandlung im Gottesdienst. "Halte von dieser Kirche die Mächte der Zerstörung fern", betet Baudirektor Eberhard Burger. Nacheinander werden die Kanzel, die an zentraler Stelle mitten im Raum steht, der Taufstein und der Altar mit Gebeten in den Dienst gestellt. "Sei mit den Paaren, die hier getraut werden", betet Dora Krettke, die 1919 in der Frauenkirche getauft, 1934 konfirmiert und 1944 selbst getraut wurde.

Gesang aus der Kuppel
Der Trompetenvirtuose Ludwig Güttler, einer der kräftigsten Motoren für den Wiederaufbau, und sein Blechbläser-ensemble, der Dresdner Kreuzchor und der neue Chor der Frauenkirche sorgen für feierliche Kirchenmusik. Erst nach ihrer Weihe kann Organist Samuel Kummer die große Orgel über dem Altar spielen und das Potenzial des Instrumentes aufzeigen. Bei der Weihe des gesamten Kirchbaus richten sich die Blicke von Bundespräsident Horst Köhler und den Gästen um den Herzog von Kent überrascht nach oben: Der Chor hat sich in der hohen, steinernen Kuppel postiert und singt herab in das Innere.
"Es ist ein großes Werk geworden im Geist der Versöhnung", predigt Bischof Bohl. "Am Tag ihrer Weihe ruft die Frauenkirche zum Frieden." "Tragt den Frieden weiter", wünscht Pfarrer Stephan Fritz beim abschließenden Segen. Vor der auch steinerne Glocke genannten Kirche verfolgen Zehntausende unter freiem Himmel den Gottesdienst über Großbildschirme. Viele von ihnen kommen von außerhalb. Nach der Feier zerstreut sich ein Teil des Publikums in den goldenen Herbsttag. Die Straßencafés der Dresdner Innenstadt füllen sich, an Imbissbuden herrscht dichtes Gedränge und Jugendliche bieten eine Trommeleinlage.

Lange Warteschlange
Mehrere tausend Menschen bleiben aber weiter an der Kirche. Auf einer Bühne beginnt ein Programm. Die Initiatoren des Wiederaufbaus um den Trompeter Güttler berichten unter Beifall von den schwierigen Anfängen.
Besichtigungen der Kirche sind seit dem Nachmittag für kurze Zeit möglich. Eingelassen wird bis in die frühen Morgenstunden des Montag nur eine begrenzte Anzahl von Menschen, die ein kleines Programm mit Lesung, Chorgesang und Orgelspiel erwartet. Viele blicken fasziniert und staunend in die mächtige Kuppel, ehe sie neuen Besuchern Platz machen müssen.
Draußen wartet in der langen Schlange auch die 66-jährige Dresdnerin Edith Görne. Sie ist ehrenamtliche Helferin in einem Hospiz und will den Menschen, die sie dort betreut, möglichst schnell von der Frauenkirche erzählen. Zunächst sei sie gegen den Wiederaufbau gewesen, später aber dafür, sagt sie. Das Ehepaar Krell ist extra aus Mannheim angereist und wartet ebenfalls auf Einlass. "Ich hatte bei der Weihe Gänsehaut", erzählt Herta Krell. Edith Görne und die Krells wollen die Kirche unbedingt von innen sehen. "Wenn es heute nicht mehr klappt, dann kommen wir wieder", sind sie sich einig.