Im Juni 2000 spendete der Gründer des Fördervereins "Friends of Dresden" 1,5 Millionen Mark seines Nobelpreisgeldes für den Wiederaufbau der Frauenkirche sowie 100 000 Mark für den Bau der Synagoge. Doch seither schaltet sich der in New York lebende und lehrende Forscher in diverse kommunale Debatten ein.
Diese Woche begann eine neue Kontroverse. In einem Schreiben ans Rathaus erklärte Blobel jetzt, sich nicht mehr für die Bewerbung Dresdens als Stadt der Wissenschaften 2005 einzusetzen, falls die Waldschlösschenbrücke gebaut würde. Die seit 144 Jahren geplante, umstrittene und nach wie vor nicht gebaute Brücke soll demnächst endlich entstehen und den Stadtverkehr deutlich entlasten.
Sie bedeutet aber auch einen massiven Einschnitt ins Stadtbild. Blobel nennt das Bauwerk "ein Verbrechen an der Stadtlandschaft", das die Elbauen zerstört und kündigte an, endgültig aus Dresden und Sachsen zu emigrieren. Höhepunkt eines manchmal schwierigen Verhältnisses. Schon im Krach um die Orgel für die Frauenkirche hatte sich Blobel für ein originalgetreues Silbermann-Instrument eingesetzt. Als nach langem Hickhack die Entscheidung für eine modernere Variante fiel, schied er als Ehrenmitglied aus dem Kuratorium aus. Auch beim Streit um die Bebauung des Neumarktes, die Wiederherstellung des Palais im Großen Garten und ein geplantes Bioforschungszentrum im Lingnerschloss war Blobel präsent.
Inzwischen wächst in Dresden der Unmut über die Zwischenrufe aus den USA. Kai Schulz, Sprecher von Rathauschef Ingolf Roßberg (FDP) drückt es diplomatisch aus. "Das Engagement von Herrn Blobel in allen Ehren. Aber zur Waldschlösschenbrücke gibt es mehrere Entscheidungen des demokratisch gewählten Stadtrates. Die kann man nicht von außen kippen." Vor allem der Stil, sein Engagement mit anderen politischen Forderungen zu verknüpfen, stößt im Rathaus auf Verwunderung.
SPD-Stadtrat Albrecht Leonhardt: "Wir sind dankbar für das, was Herr Blobel getan hat. Aber er ist nicht der Stadtentwickler von Dresden." Ein Stifter könne die Zustimmung und Unterstützung eines Projektes nicht von einer anderen Angelegenheit abhängig machen. Solcher Politikstil sei wohl in Amerika üblich, in Dresden jedoch nicht. Die Verantwortung trügen schließlich die demokratischen gewählten Gremien.
Ebenso sieht es CDU-Fraktionschef Michael Grötsch. Blobel habe sich nicht das Recht erkauft, demokratische Entscheidungen zu ändern. Mit seinem Verhalten schade er vor allem sich selbst. Auch die Leipziger können ein Lied von Blobels Präsenz singen: In der Debatte um die Gestaltung des Augustusplatzes setzt er sich als Chef des Paulinervereins für den Wiederaufbau der Paulinerkirche ein. Dem früheren Leipziger Uni-Rektor und heutigem SPD-Landtagsabgeordneten Cornelius Weiss platzte jetzt der Kragen: "Günter Blobel sollte die Städte Dresden und Leipzig endlich mit seinen unqualifizierten Einmischungsversuchen verschonen. Auch Herr Blobel ist nicht Dr. Allwissend." Er solle die Entscheidungen der Verantwortungsträger respektieren und "seine an Erpressung grenzenden Einschüchterungsversuche ein für alle mal unterlassen", so Weiss. "Nobelpreisträger sind keine Götter, die über alles bestimmen und überall mitreden können."
Blobel weist gegenüber der RUNDSCHAU die Schelte jedoch zurück: Die Dresdner würden über die "katastrophalen Folgen" der Waldschlösschenbrücke für die historische Stadt nicht informiert. Wie auch bei der Leipziger Paulinerkirche würden die Entscheidungen hinter verschlossenen Türen getroffen. Daher unterstütze er die Kritiker des Projektes, die es unter den Bürger und im Stadtrat auch gebe. Es sei die Verpflichtung der Bürger sich einzumischen. Blobel: "Nicht alle Stadtratsentscheidungen sind gute Entscheidungen.” Wenn eine Diskussion aber nicht gewünscht sei, könne er sich in anderen Städten engagieren.