Zum Jahrestag der Dresdner Bombennächte vom 13./14. Februar 1945, in denen die Altstadt von alliierten Fliegern in Schutt und Asche gelegt wurde, wollen sich mehrere Tausend Neonazis aus halb Europa in der Landeshauptstadt versammeln. Kirchen und Künstler, Parteien und Gewerkschaften rufen daher zum Gegen-"Geh Denken" auf. "Die Polizei bereitet sich auf einen der größten Einsätze der vergangenen Jahre vor", sagt ein Sprecher des sächsischen Innenministeriums. Angemeldet hat den "Trauermarsch" der Rechtsextremisten am Sonnabend abermals die revanchistische "Junge Landsmannschaft Ostpreußen". Die Sicherheitsbehörden rechnen mit 4000 bis 6000 Neonazis in der Stadt. Die Organisatoren des Bündnisses "Geh Denken" befürchten sogar 8000 Kameraden und warnen vor dem "größten Naziaufmarsch Europas". Und auch die NPD ist mit von der Partie: Deren Fraktionsgeschäftsführer im Landtag, Frank Ahrens, fungiert als stellvertretender Versammlungsleiter. Auf rechtsextremistischen Internetseiten und Veranstaltungen werde bundesweit zur Teilnahme aufgerufen, bestätigt der Sprecher des sächsischen Verfassungsschutzes, Alrik Bauer. "Wir schätzen, dass die Zahl der Teilnehmer die 3800 vom Vorjahr mindestens erreichen und sogar überschreiten kann." Zwar seien die vergangenen Aufmärsche "weitgehend störungsfrei" verlaufen, so Bauer, angesichts des historischen Anlasses werde "auf geordnete Verhältnisse" geachtet. Befürchtet wird dennoch, dass ab Freitagabend gewaltbereite rechte Kameradschaften und linke Autonome aufeinander treffen können. Großaufgebot an Polizei Die Polizei will nun mit einem Großaufgebot von Beamten aus mehreren Bundesländern und der Bundespolizei die strikte Trennung der Gegner durchsetzen und dafür sorgen, "dass das Gedenken nicht von Extremisten oder Gewalttätern vereinnahmt wird", sagt Polizeipräsident Dieter Hanitsch. Doch ob das gelingt, ist ungewiss. Neonazis versuchen seit Jahren, aus der Zerstörung Dresdens eine deutsche Kriegsopferrolle zu begründen und politisches Kapital zu schlagen. Dresden ist dadurch einer der zentralen Schauplätze für rechtsextreme Großdemos geworden. Um dem braunen Treiben am Beginn des Superwahljahres entgegen zu treten, ruft das von Bundesprominenz unterstützte "Geh Denken"-Bündnis von DGB, SPD, Grünen und Linken sowie Bürgerinitiativen zu einem kulturvollen Kontrastprogramm auf. An einem Sternmarsch zur Semperoper wollen sich mindestens 10 000 Menschen aus der ganzen Republik beteiligen. Zu den Rednern der Kundgebung gehören SPD-Chef Franz Müntefering, DGB-Chef Michael Sommer, Grünen-Chefin Claudia Roth und Linksfraktionschef Gregor Gysi. Musik als Protest Am Abend wollen auf dem Theaterplatz Musiker wie Sebastian Krumbiegel ("Prinzen"), Smudo ("Die fantastischen Vier") und Rolf Stahlhofen ("Söhne Mannheims") sowie Schauspieler Wolfgang Stumph auftreten. "Es geht darum, aus der Stadt das Signal zu senden, dass Dresden nicht als Europas letzter großer Aufmarschplatz der Rechtsextremisten zur Verfügung steht", sagt Mit-Initiatorin Grit Hanneforth vom Kulturbüro Sachsen. Zu den Unterstützern des Aufrufs gehören auch die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, und Altbundespräsident Richard von Weizsäcker. Die neue CDU-Oberbürgermeisterin Helma Orosz wünscht sich dieses Jahr aber eher ein stilles Gedenken. Die Stadt und Prominente aus Kirchen, Wissenschaft und Wirtschaft um Startrompeter Ludwig Güttler rufen daher zum gemeinsamen Gedenken unter dem Motto "wahrhaftig erinnern - versöhnt leben" an die Frauenkirche auf. Polens früherer Außenminister Wladyslaw Bartoszewski hält die Gedenkrede, um 21.45 Uhr läuten die Glocken aller Dresdner Kirchen. Eine rechtliche Handhabe gegen die rechtsextremen Aufmärsche sieht das Rathaus indes nicht. Man werde aber versuchen, heißt es, den Großauftritt mit strengen Auflagen in Grenzen zu halten.