Bis Jahresende können Besucher der Ausstellung "Mythos Dresden" im Hygiene-Museum den Ruf der Elbestadt ergründen. Knapp 730 Exponate illustrieren die mythische Welt der Dresdner. Sie passt in fünf Räume mit eigenen Titeln. "Luftschlösser" macht mit Architekturentwürfen bekannt, die ein Wunschtraum blieben. Das "Dionysische Dresden" gewährt Einblick in das sinnenfreudige Barockzeitalter, "Musenort" in das kulturelle Leben. "Apokalypse" zeigt die Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg, "Metamorphosen" die Stadtentwicklung.

Viel Neues für Touristen
Kuratorin Sigrid Walther geht davon aus, dass Touristen viel Neues über Dresden erfahren können. Nicht umsonst sind alle Texte auch in Englisch zu lesen. "Es gibt fast nichts, was nicht in Dresden erfunden wurde", meint die Galeristin und muss dann doch über ihre eigenen Worte lächeln. Gleichwohl sind die "mythischen Produkte" akkurat aufgelistet - sie reichen vom Teebeutel und Kaffeefilter über Odol-Mundwasser bis zum Nachttopf der Firma Villeroy & Boch und dem VW-Phaeton. Auch das Ost-Kondom-Monopol, das Dresden zu DDR-Zeiten besaß, wird nicht ausgespart.
Die Schau wirkt wie Balsam für die Seele der Einheimischen, die ihre Stadt im Dialekt als "Drääsdn" aussprechen. Viele haben die Zeit nicht vergessen, als ostdeutsche Mitbürger spotteten. Da in Dresden bis in die späten 80er-Jahre kein Westfernsehen ankam, war allgemein vom "Tal der Ahnungslosen" die Rede. Noch tiefer saß die Schmach, wenn der Dresdner Fußballclub Dynamo vom Namensvetter aus Berlin geschlagen wurde - nicht selten mithilfe der Schiedsrichter.

Weihe mit kollektivem Jubel
Ältere Dresdner bekommen mitunter feuchte Augen, wenn sie von ihrer Stadt erzählen. Die Weihe der wiedererrichteten Frauenkirche im Herbst 2005 geriet zum kollektiven Jubel. "Dresden ist offenbar doch eine Weltanschauung", sagt Stadtoberhaupt Ingolf Roßberg (FDP). Vogel ist überzeugt, dass sich der Mythos im Fall von Dresden aus mehreren Quellen speist. Neben barocker Tradition und reizvoller Landschaft habe auch die Zerstörung der Stadt im Februar 1945 dazu beigetragen. Damals starben schätzungsweise 35 000 Menschen im Bombenhagel.

Auf dem Weg zur Moderne
Die Tragödie wird in einem abgedunkelten Raum erzählt. Interviews mit Zeitzeugen vermitteln ein Bild vom Ausmaß der Katastrophe. In einer Vitrine ist Munition zu sehen, die Dresden den Tod brachte. Der Raum zuvor ist dagegen voller Licht und stellt das kunstvolle Dresden mit Namen wie Caspar David Friedrich, Richard Wagner, den "Brücke"-Malern oder den Tänzerinnen Mary Wigman und Gret Palucca vor. Die abschließenden "Metamorphosen" markieren den Weg zur modernen Stadt.
Dennoch soll "Mythos Dresden" keine unkritische Hommage sein. Dunkle Seiten der Historie bleiben nicht unerwähnt. Die Stadt galt als Hochburg der Nazis. In der Schau dokumentieren Fotos die braune Zeit. Beim ersten Reichstheatertreffen Ende Mai 1934 posiert Adolf Hitler vor der Semperoper. Bis Jahresende können sich die Gäste nun ihr eigenes Bild machen. "Die Ausstellung ist keine Liebeserklärung. Das muss jeder in seinem Herzen selbst ausformen", sagt der Direktor.