Wer will die Chance auf einen Gewinn schon verpassen? Versandfirmen locken mit hohen Preisen wie Autos oder erstaunlichen Bargeldbeträgen.Anna B. hat inzwischen selbst den Überblick verloren. In ihrem Wohnzimmer türmt sich die Post - bunte Werbeblätter mit immer derselben Botschaft, die eindeutig klingt. Der Gewinn für Anna B. sei schon gezogen, sie müsse nur noch etwas zur Probe bestellen, um an das große Geld zu kommen. Ob Reise, Auto, Wohnzimmer-Einrichtung oder doch lieber Bargeld - die 81-Jährige solle sich doch bitte schon einmal selbst etwas aussuchen. Und es sei ja auch nicht so, „dass wir von Friedrich Müller Ihnen den Bargeld-Gewinn aufzwingen wollen“ , schreibt ihr ein Notar, der sich Hubert Einfalt nennt. „Sie können natürlich darauf verzichten!“
Doch wenn Frau B. aus Weißwasser nicht reagiert, wird der Ton derber. Das könne doch nicht wirklich ihr Ernst sein, heißt es dann. Oder: „Mit Verlaub, sind Sie noch zu retten„“
Bei der alten Damen hat die Psychologie dieser grellen Werbung gezogen. Sie bestellte tatsächlich Produkte wie „Muskelkraft 100“ , „Lutsch-Dich-gesund“ -Pastillen oder „Körperglück 4000“ , jeweils zum Preis von fast 50 Euro, immer in der Hoffnung auf den großen Gewinn. Und als ihr schließlich mitgeteilt wurde, jetzt stünde nur noch die Zahlung einer Organisationsgebühr in Höhe von 50 Euro zwischen ihr und dem Glück, überwies Frau B. auch diese Summe anstandslos.
„Ich habe das x-Mal gemacht“ , sagt Frau B. „Trotz der Warnungen der Verbraucherzentrale, weil ich dachte, der Friedrich Müller und dieser Notar können mich doch gar nicht so beschwindeln.“
Und siehe da, eines Tages sah sich Anna B. am Ziel ihrer Wünsche. Tatsächlich kündigte sich Besuch bei ihr an: mit großem Tamtam, Fotograf und 50 000 Euro in bar. Doch die Geldboten sind bis heute überfällig. Die Nachfragen der alten Dame unter der angegebenen teuren 0190er-Nummer brachten nichts ein. Es lief nur ein Band. Auch zig Briefe, die Frau B. an die aufgedruckte Postfachadresse geschickt hatte, blieben bis heute unbeantwortet.

Verbrauerschützer sehen ein System
„Ich habe noch nie auch nur einen Cent erhalten“ , sagt Frau B. inzwischen mit einer Mischung aus Scham und Wut. „Ich hätte besser die ganze Post wegschmeißen sollen, da hätte ich noch Geld gespart.“
Ähnlich denkt inzwischen auch Vera R. aus Lübbenau, die ebenfalls immer wieder Test-Produkte angefordert hatte. Die 84-Jährige glaubte, dass müsse sein, um Chancen auf den Hauptgewinn zu haben. Als sie die 3000 Euro auf ihren Sparbuch verspielt hatte, wollte sie gar ihr Festgeld auflösen. Vom Rückgaberecht der bestellten Produkte machte sie keinen Gebrauch, „weil sie dachte, dass sie sonst den versprochenen Gewinn nicht erhält“ , wie der Cottbuser Verbraucherschützer Klaus Burkhardt erklärt.
Burkhardt vermutet dahinter System. Allein die Cottbuser Verbraucherzentrale sieht sich derzeit mit zwei bis vier derartigen Fällen pro Tag konfrontiert. „Das betrifft vor allem alte Leute, weil die gutgläubig sind“ , sagt Burkhardt. „Ich habe aber noch nie jemanden kennengelernt, der dabei wirklich etwas gewonnen hat.“
Im Gegenteil: Vera R. sind die Rechnungen für ihre Test-Bestellungen inzwischen über den Kopf gewachsen. Die UVG Inkasso GmbH aus Harthausen sitzt ihr im Nacken, will das Geld bei ihr eintreiben. Bei den Verbraucherzentralen in der Region ist diese Firma keine Unbekannte. Verbraucherschützer halten es nach Medien-Berichten für möglich, dass dieses Inkasso-Unternehmen selbst hinter den Versprechungen der Gewinnspiel-Versandhäuser stecken könnte.
Gegen einige besonders freche Gewinnspiel-Anbieter hat die Verbraucherzentrale Hamburg inzwischen Musterklagen erhoben, unter anderem gegen Friedrich Müller und gegen Topkom in Baden-Baden beziehungsweise Sparen und Gewinnen im holländischen Alkmaar. Dabei stützen sich die Verbraucherschützer auf etliche Gerichtsurteile. Erst jüngst hat auch das Oberlandesgericht Oldenburg entschieden, dass versprochene Gewinne gezahlt werden müssten.

Wen verklagen“
Doch Recht haben und Recht bekommen sind zwei Paar Schuhe. Wer seinen versprochenen Gewinn - das „Bargeld“ , die „Trauminsel“ oder die „Waschmaschine“ - einfordert, stößt bei den Gewinnspiel-Anbietern auf taube Ohren. Er wird die Firma verklagen müssen. Doch wen verklagen„ Eine 0190er-Nummer“ Ein Postfach im Ausland? Der Aufwand, die wirklichen Drahtzieher zu ermitteln, ist genauso hoch wie das Risiko, in einem anderen EU-Land klagen zu müssen.
Vera R. hat deshalb die Aufrechnung ihrer Testprodukt-Rechnungen gegenüber der UVG Inkasso mit den jeweils versprochenen Gewinnen erklärt. Die alte Dame habe die Anschreiben schließlich nicht anders verstehen können, als dass sie gewonnen habe, wie Verbraucherschützer Burkhardt erläutert. „Das ist möglich, wie erst kürzlich ein Gericht in Hamburg entschieden hat.“
Eine Antwort von der UVG Inkasso hat Burkhardt bislang nicht erhalten. Er vermutet aber: „Zuletzt wird eine Rechtsanwaltskanzlei wohl Frau R. mit einer Klage drohen.“
Gerhard H. aus Cottbus kennt diese Drohgebärden. Als Versuchsballon hatte er nach einem besonders dreisten Gewinnversprechen Waren bei „Sparen & Gewinnen b.v.“ zum Test bestellt. In einem dem Anschreiben beigefügten PR-Artikel war er von dem Gewinnspiel-Anbieter schon als 10 000-Mark-Gewinner gefeiert worden. Doch Gerhard H. war vorsichtig - und verknüpfte die Bestellung mit einer Bedingung. „Die Bestellung gilt nur“ , notierte er auf das Bestellformular, „wenn der avisierte Gewinn tatsächlich ausbezahlt wird“ , und zwar vor der Lieferung. Sonst solle das Unternehmen nichts schicken.
Die Produkte und die Rechnung kamen trotzdem. Sein Versuch, die Ware an die auf dem Lieferschein angegebene Adresse in Lahr zurückzuschicken, misslang. Das Paket war unzustellbar. Doch schon bald flatterten Gerhard H. erst Mahnungen, dann Schreiben der UGV Inkasso und einer Rechtsanwaltskanzlei in einem immer schärferen Tonfall ins Haus. „Es liegt jetzt nur noch an Ihnen! Ersparen Sie uns bitte weitere unangenehme Maßnahmen gegen Sie und sich selbst mehrere hundert Euro“ , schalmeite da zum Beispiel die UGV. Und die Rechtsanwälte Wehnert & Kollegen, die mit der UGV zusammenarbeiten, drohten ihm mit einem Prozess, für den „erhebliche Gerichts- und Anwaltskosten anfallen. Lassen Sie es nicht so weit kommen.“
Gerhard H. hat bis heute trotzdem nichts bezahlt. Passiert ist nichts. Seit einigen Monaten hat sich die Rechtsanwaltskanzlei nicht mehr bei ihm gemeldet. Verbraucherschützer Burkhardt: „Offenbar dient das nur der Einschüchterung. Mir zumindest ist kein Fall bekannt, bei dem tatsächlich geklagt wurde.“