Nach außen hin bemüht sich die Türkei, Anschläge wie jetzt in Antalya, Istanbul und Marmaris unter den Teppich zu kehren. Denn sie sind Gift für den in diesem Jahr ohnehin schwächelnden Tourismus. Doch im Inneren gärt es: Immer wieder erleidet die türkische Armee bei Kämpfen mit militanten Kurden und durch Explosionen von Landminen im Südosten des Landes Verluste.
In anderen Landesteilen droht ständig die Gefahr terroristischer Anschläge. Allein im August explodierten in der südtürkischen Stadt Adana im Abstand von drei Wochen jeweils zwei Sprengsätze in kurzer Folge. Mehr als 20 Menschen wurden verletzt, unter ihnen Polizisten und Polizeischüler. Die Extremistengruppe "Freiheitsfalken Kurdistans", die als Ableger der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK gilt, bekannte sich Mitte des Monats zu zwei Explosionen, bei denen mitten im touristischen Zentrum von Istanbul zwei türkische Frauen und ein Mädchen verletzt wurden. Mögen die Sprengsätze auch klein gewesen sein, so demonstrierten die Bombenleger doch, dass auch Blaue Moschee und Hagia Sophia, die jedes Jahr von zahlreichen Touristen besucht werden, nicht vor ihnen sicher sind.
Zufall oder nicht: Die vier Explosionen, die in der Nacht zu gestern in Marmaris und im Istanbuler Außenbezirk Bagcilar 27 Menschen verletzten, ereigneten sich keine 24 Stunden vor der Amtseinführung des neuen türkischen Generalstabschefs Yasar Büyükanit.
Mit markigen Worten hatte der General bereits kurz nach seiner Ernennung dem "separatistischen Terror" kurdischer Extremisten den Krieg erklärt und damit eine politische Lösung des Kurdenkonflikts, der die Türkei seit mehr als zwei Jahrzehnten beschäftigt, wieder in weite Ferne gerückt. Auch auf der politischen Bühne sind zaghafte Ansätze, den Konflikt nicht nur mit militärischen und polizeilichen Mitteln zu lösen, wieder in den Schubladen verschwunden. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte noch vor wenigen Monaten die Möglichkeit einer "demokratischen" Lösung für den Fall angedeutet, dass die PKK der Gewalt endgültig abschwöre. Inzwischen ist davon unter dem Druck der öffentlichen Meinung in der Türkei nicht mehr die Rede. Der Amtsantritt des neuen Armeechefs Büyükanit, der Ende der 90er-Jahre kommandierender General im Südosten des Landes war, markiert auf militärischer Ebene die Rückkehr von Generälen der alten Schule. Sein Vorgänger Hilmi Özkök galt vielen in der Türkei wegen seiner liberalen und demokratischen Haltung als Glücksfall. Er stärkte der Regierung in Ankara den Rücken, als diese das Schritttempo auf dem Weg in die Europäische Union erhöhte. Er ließ sie selbst gewähren, als sie sich daran machte, die starke Stellung des Militärs in der türkischen Politik und Gesellschaft zu beschneiden.
Der altgediente General wich zwar nicht von der Linie des Militärs ab, die sich in der Nachfolge des türkischen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk dazu berufen fühlt, die Einheit des türkischen Nationalstaates gegen alle separatistischen und islamistischen Bestrebungen zu verteidigen. Doch noch kurz vor seinem Abschied betonte er, dass die Türkei nichts dringender brauche als Demokratie.
Von Demokratie und Menschenrechten spricht auch Büyükanit, sein Nachfolger. Aber nur um darauf hinzuweisen, dass niemand diese Werte missbrauchen oder als Vorwand nutzen sollte, die staatliche Einheit und die laizistische Verfassung des Landes - die strikte Trennung von Staat und Religion - zu untergraben.