Doch der Erfolg verschafft dem Premier, den die Opposition seit Wochen vor sich her treibt, nur eine Atempause.

Aktuelle Umfragen belegen, dass nur noch ein Viertel der Polen Tusk weiter auf dem Sessel des Ministerpräsidenten sehen möchte. 44 Prozent der Bürger wünschen sich seinen Abgang. Mehr noch: Erstmals seit der Regierungsübernahme vor fünf Jahren ist Tusks rechtsliberale Bürgerplattform (PO) hinter die nationalkonservative PiS von Ex-Premier Jaroslaw Kaczynski zurückgefallen. Das ist umso verblüffender, als die PO vor Jahresfrist einen glänzenden Wahlsieg eingefahren hatte. Aber warum?

Was die Bürger Tusk vorwerfen, ist kaum auf einen einfachen Nenner zu bringen. Die allgemeine Verunsicherung nährt sich aus einem Unzufriedenheits-Mix. Da ist die Korruptions-Affäre um Tusks Sohn Michal, der Geschäftsgeheimnisse verraten haben soll. Hinzu kommt der Dauerzwist in der PO-Fraktion zwischen Konservativen und Liberalen, etwa im Streit um ein neues Abtreibungsrecht. Und schließlich mutmaßen Beobachter, Tusk sei bereits auf dem Absprung nach Brüssel. Der 55-Jährige wird heiß als Nachfolger von EU-Kommissionschef José Manuel Barroso gehandelt. 2014 könnte es so weit sein.

Wichtigster Grund für die Unzufriedenheit vieler Polen ist allerdings die schwächelnde Konjunktur. Das Wirtschaftswunderland dürfte zwar 2012 beim Wachstum mit 2,5 Prozent erneut einen europäischen Spitzenplatz erreichen. Doch bei den Menschen wächst die Sorge, dass der Dauerboom der vergangenen Jahre infolge der Euro-Krise jäh enden könnte. Experten pro gnostizieren für den Winter einen Anstieg der Arbeitslosigkeit auf mehr als 13 Prozent. Das wäre der schlechteste Wert seit sechs Jahren.

Umso stärker schlägt Tusks vermeintlich kaltherzige Sozialpolitik zu Buche. Der Ministerpräsident hatte nach seiner Wiederwahl im Herbst 2011 Strukturreformen angekündigt. Und er machte Ernst: Die Regierung setzte die Rente mit 67 Jahren durch und krempelte das Gesundheits- und das Steuersystem um. Tusk heimste dafür Lob von den US-Ratingagenturen ein. Im eigenen Land erntete er jedoch Protest. Vor allem junge Menschen, die im Niedriglohnsektor mit "Müllverträgen" ohne soziale Absicherung arbeiten, sind enttäuscht.

Das wiegt schwer. Die Jungen bilden die Kernwählerschaft der PO. In einer Regierungserklärung vor der Vertrauensabstimmung versuchte Tusk am Freitag gegenzusteuern. Er versprach staatliche Investitionen in Höhe von 50 Milliarden Euro. Die "Müllverträge" will er aber vorerst nicht auf den Abfallhaufen der Geschichte verbannen. Ob das reicht?

Oppositionschef Kaczynski hat für die kommenden Wochen ein konstruktives Misstrauensvotum angekündigt. Die Nationalkonservativen wollen den parteilosen Professor Piotr Glinski gegen Tusk ins Rennen schicken. Der 58-jährige Soziologe genießt landesweit hohes Ansehen und soll nach Kaczynskis Plänen eine Expertenregierung führen. Jeder zweite Pole findet die Idee gut.