Der eine oder andere ist vielleicht froh darüber, dass der Wawel am heutigen Samstag das letzte Mal nach Breslau fährt. Die beiden Herren zum Beispiel, die laut fluchend am Cottbuser Bahnhof versuchen, die Türen des zweiten Waggons zu schließen. Wawel wehrt sich - ein Fernzug mit einer 150-jährigen Historie hat seinen eigenen Kopf.

Die Zeit drängt. Bisher lief alles nach Plan. Pünktlich ist der Eurocity-Zug in der Lausitz-Metropole eingetroffen. Hinter ihm liegt eine Reise durch gut die Hälfte Deutschlands von Hamburg über Lüneburg, Salzwedel und Berlin. Vor ihm liegen weitere dreieinhalb Stunden in Richtung Osten - Endstation: Wroclaw Glowny, Breslau Hauptbahnhof.

Wawel gibt irgendwann nach - die Türen schließen. Mittlerweile haben Mechaniker der Bahn die Lok gewechselt. Bis nach Wegliniec zieht eine Diesellok die silberfarbenen Waggons mit polnischer Aufschrift. Die Strecke ist nicht durchgehend mit einer E-Lok befahrbar. Das Stromnetz auf polnischer Seite ist nicht geschlossen. Vier Minuten Verspätung. Wawel liegt gut in der Zeit.

Ein einsamer Fahrgast

Ein einsamer Fahrgast ist am Hauptbahnhof in Cottbus zugestiegen. Er trägt einen Rollkoffer mit sich. Der Mann will nach Breslau. Seinen Namen verrät er nicht, erzählt aber, dass er gerade aus dem Rheinland kommt. Der Breslauer ist Rheinschiffer, fährt nur gelegentlich zurück in die Heimat. "Zwei- oder dreimal im Jahr", sagt er.

Dass die Bahn den einzigen internationalen Fernzug Südbrandenburgs nun aufgrund mangelnder Rentabilität einstellen will, kümmert den Rheinschiffer wenig. "Dann fahre ich Bus", sagt er. Oder über Dresden in die Heimat. Dann aber fragt er doch noch mal nach: "Wirklich, Samstag das letzte Mal? Schade."

"Das ist nie schön", sagt der Schaffner, der sich kurz hinter Cottbus auf den Ausstieg in Forst vorbereitet. Dort warte sein polnischer Kollege, sagt er. Er selbst sei des Öfteren die Strecke zwischen Hamburg und Forst gefahren - nie aber über die Grenze hinweg. Seine Kollegin empfiehlt derweil den Passagieren im ersten Wagen, den Waggon zu wechseln. Die Heizung funktioniert nicht. Bei Außentemperaturen kurz über dem Gefrierpunkt lässt sich die Zugfahrt auf den ersten Metern nur in Winterjacke durchstehen. Eine junge Polin harrt schon seit Hamburg dick eingepackt im ungeheizten Wagen aus. Familie habe sie im Norden Deutschlands besucht, jetzt gehe es zurück in die Heimat. Sie weiß, dass Wawel ab diesem Wochenende nicht mehr fahren wird. Wert ist es der jungen Frau nur ein Schulterzucken. Wie sie dann von Hamburg nach Breslau fahren wird? Keine Ahnung.

Bedeutend wärmer

Im zweiten Wagen ist es bedeutend wärmer. Hierhin haben sich die meisten Fahrgäste verzogen. Unter ihnen Artur und Aleksandra, zwei polnischstämmige Berliner. In Boleslawiec wollen sie Interviews führen, erzählen sie. Artur und Aleksandra sind regelmäßig mit dem Wawel unterwegs. "Mein Herz hängt nicht an diesem Zug", sagt Artur. Ständig sei irgendwas kaputt.

Die Mechaniker seien in Polen, wenn am Wawel in Deutschland etwas kaputt gehe, fahre er mit dem Schaden weiter bis über die Grenze, erzählt der Geschäftsmann. Mal sei die Heizung defekt, so wie heute, mal funktioniere die Klimaanlage nicht. "Wir sind auch schon mal mit dem Fernbus gefahren", sagt er. Das sei eine gute Alternative. Klimaanlage, Internet und viel länger dauere die Fahrt von Berlin in Richtung Polen auch nicht. Im Gegenteil, weil der Wawel oft Verspätung habe, sei der Bus meist schneller, meint Artur. Nein, sein Herz hängt nicht an dem Eurocity.

Den beiden Dresdnern einige Sitzreihen weiter vorne geht es anders. Auch sie wollen ihre Namen nicht in der Zeitung lesen. Aber erzählen wollen sie. Heute haben sich die beiden Freunde freigenommen, unternehmen eine Abschiedsfahrt mit dem Zug, auf den sie als Dresdner nie wirklich angewiesen waren. "Einfach so", sagt der Herr, der seine Kamera in jeder Minute griffbereit verwahrt. "Ein Hobby", fügt er hinzu. Sein Freund nickt. Er trägt seine Kamera um den Hals. Der Geruch von Diesel mischt sich mit dem des Biers, das sich die beiden Bahnfreunde zur Mittagsstunde gönnen. Ja, mit dem Wawel zu fahren, sei schon etwas Besonderes. Das Tempo, mit dem Wawel durch die Landschaft gondelt, lässt ein schnelles Foto zu. Streckenweise bremst der Zug auf rund 40 Kilometer pro Stunde runter. Der Wawel ist ein gemütlicher Zug, kein Sprinter.

Und der Wawel ist wichtig für die Wirtschaftsregion Südbrandenburg und deren Verflechtung mit Polen, sagt Wolfgang Krüger, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus. Am heutigen Samstag wird er die letzte Fahrt in Richtung Breslau unter anderen gemeinsam mit Michael Cramer, dem Vorsitzenden des Verkehrsausschusses im EU-Parlament, und Boguslaw Liberadziki, einem Ausschussmitglied, begleiten und symbolisch mit einer offiziellen Kranzniederlegung gegen die Einstellung des Wawel protestieren. Die rund 50 Fahrgäste am heutigen Reisetag interessiert das wenig.

Alte Zeiten

Viel interessanter sind die beiden Grenzpolizisten, die zwischen Forst und Zary durch den Zug laufen und Pässe kontrollieren. "Das sind ja die alten Zeiten", sagt einer der beiden Dresdner beim zweiten Bier seit Cottbus. Seine Kamera hält er dabei versteckt hinter dem Sitz, fokussiert und schießt ein Foto der beiden gelb-schwarz gekleideten Beamten.

Kurz nach dem dritten Bier kurz vor Wegliniec zückt der Dresdner erneut die Kamera - Lokwechsel. Am Bahnhof wird die Diesellok wieder abgehängt. In eisiger Kälte und bei starkem Wind treibt es nur eine Handvoll Passagiere aus dem Zug, um das Schauspiel zu beobachten. Allesamt Bahnfreunde. Allesamt auf Abschiedstour. Ein Mann höheren Alters wird hier auf den zweiten Wawel warten. Der kommt einige Minuten später hier vorbei. Nur an wenigen Stationen hinter dem Grenzübergang ist der Umstieg in den zweiten Wawel möglich. Fährt man bis Breslau, wartet man bis zum nächsten Tag.

Ein Mechaniker klettert in Wegliniec vor den ersten Waggon, verbindet die E-Lok mit dem Rest des Zuges. Keine Verzögerungen. Es kann nach wenigen Minuten weitergehen - auf sanierter Strecke. Jetzt kann der Wawel etwas Tempo machen.

Mittlerweile zum zweiten Mal schon läuft die junge Kataryna durch den Zug, in dunkelroter Weste und schwarzer Hose. Sie verteilt Wasser, Schokolade, Saft und Kaffee. Auf Kosten der polnischen Bahn. Die Dresdner nehmen Schokolade. Getränke haben sie schon. Einen Speisewagen gibt es im Wawel schon seit Längerem nicht mehr. Schließlich - so die Kritik - will die Bahn den Zug möglichst unattraktiv machen. Kein Wunder - sind 50 Fahrgäste im Schnitt doch denkbar unrentabel. Von 750 000 Euro Verlust pro Jahr ist mitunter die Rede. Einst, noch nicht allzu lange her, fuhr der Zug sogar bis nach Krakau. Das leistet sich die Bahn heute nicht mehr.

Zurück erst morgen wieder

Dreieinhalb Stunden nach Abfahrt in Cottbus ist Wawel in Breslau. Rückfahrt? Heute nicht mehr. Nicht mit dem Wawel. Der ist schon weg und auf dem Weg in Richtung Hamburg, über Cottbus und den Spreewald. Der nächste Wawel fährt erst morgen wieder, irgendwann am Nachmittag.

Zurück über die Schienen nach Cottbus geht es heute nur noch über Görlitz, Aufenthalt: gut eine Stunde. Ankunft nach knapp viereinhalb Stunden. Selbst in modernen Zügen.