Am Abend des 30. Oktober werden bei den Linken in Brandenburg schon wieder Stimmen gezählt. Die Zeit für die Mitgliederbefragung zum Koalitionsvertrag ist dann abgelaufen. Landeschef Christian Görke hofft auf ein positives Ergebnis, nachdem er am Mittwochabend in Lauchhammer erklärt hatte, die schwersten Stunden seiner politischen Karriere mit der Wahlniederlage am 14. September durchlebt zu haben. Doch mit der konkreten Analyse des Verlustes von fast einem Drittel der Wählerstimmen will sich die Linke später beschäftigen. Wie in der Friedensgedächtnis-Kirche von Lauchhammer wird jetzt der Koalitionsvertrag für die Fortsetzung von Rot-Rot an der Parteibasis debattiert.

"Dieser Vertrag trägt eine dunkelrote Handschrift", versichert Görke den gut 80 Mitgliedern. Das sei beispielsweise in der Bildungspolitik an den in die Zukunft weisenden Schulzentren und dem gemeinsamen Lernen erkennbar. Oder daran, dass die Mindestlohnhöhe weiter wachsen werde. Görke spricht von "einem hart verhandelten Vertrag, der tragfähig ist". Landtags-Vizepräsidentin Gerrit Große fügt hinzu, "dass dieses Papier eine gute Basis für fünf Jahre Regierungsarbeit ist. Ich bin zufrieden." Der großen Mehrheit im Saal scheint das ebenso zu gehen.

Dennoch bekommen die linken Verhandlungsführer von Anita Schreiber vom Kreisverband Lausitz zu hören, dass die Neueinstellung von 4400 Lehrern eine "Mogelpackung" sei, weil 3600 Lehrer ausscheiden würden. Doris Dreßler aus Forst sagte: "Ich kann das Wort Modellversuch nicht mehr hören." Aus ihrer Sicht wollen die Lehrer wissen, wohin die Reise geht. Und die Bekämpfung des Stundenausfalls müsse höchste Priorität haben.

Der Cottbuser René Schuster hält mit seinem Unmut über die Formulierungen zur Energiepolitik nicht hinterm Berg. "Der Vertrag ist eine Schande für eine Partei, die sich dem sozial-ökologischen Umbruch verschrieben hat", bewertet es Schuster, dass 2040 als Ausstiegsjahr aus der Braunkohleverstromung nicht Eingang in den Vertrag gefunden habe.

Die Gemüter sind jetzt erhitzt. Von den Gegnern einer "Verspargelung" der Landschaft wird entgegen gehalten, woher denn der Strom für die Industrie kommen solle, wenn die Windräder still stehen. Es müsse in die Erforschung von Speichertechnologien investiert werden. Jetzt wirbt auch Wirtschaftsminister Ralf Christoffers vehement für den Koalitionsvertrag. Brandenburg gebe bereits 40 Millionen Euro für die Speicher-Erforschung. Um einen Kohleausstieg innerhalb der Energiewende festzuschreiben, dazu benötige es noch viel mehr Fakten. Das treffe auch auf den Neubau eines Kraftwerkes in Jänschwalde zu. Und in Bezug auf die Vattenfall-Signale aus Schweden kündigte er an, "dass wir nach Stockholm fahren werden", um die Position der dortigen Linken, die die rot-grüne Minderheitsregierung tragen, zu erfahren.

Dieser Koalitionsvertrag sei dreimal so gut wie der von 2009, wirft unterdessen ein Parteimitglied in die Debatte ein. Dem Cottbuser André Kaun bleibt da nur noch, den Parteispitzen mit auf den Weg zu geben, "dass sie den Süden des Landes nicht vergessen sollen".

Dass dies offenbar mehr als ein Gefühl ist, zeigen der Beifall und die Bravo-Rufe. Parteichef Görke lobt die offene Atmosphäre, "die wir mit in die Zukunft nehmen wollen".